122 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.
Kanal; Seyller wurde so bleich, daß man ihn wegführen mußte;hat hundert Lügen hier gesagt, er wäre mit mir erzogen worden,denn er wäre mein Bruder von der linken Seite. Er ist nichtgeändert, habe ihn gleich gekannt. Er hat nie in der Komödievon Sejanus gespielt, aber wohl im Uastor kläv ^), da war erErgasto, des Mirtill Consident; der Fucks, der Bibliothekariuswar Sejanus, Schütz Tiberius, mein Bruder Macro und Drusus,Klos Agripine, Graf von Wittgenstein Nero, Graf von BentheimDrusus, und weiß nicht mehr, wer Caligula war. Mich deucht,ich sehe es noch spielen. Der kleine Paul war Arontzius, Sa-charies der Vorsänger Laziaris, Munchinger der Kammerpage warSilius, Fucks kam mit I. G. mein Frau Mutter nach Bocken-heim. Sobald ich ihn sah, rief ich: „Die Götter bewahren dengroßmächtigsten Sejanus!" Da fing er gleich an zu spielen.Die gute Kurfürstin, so nicht wußte was es war, meinte, derMensch wäre närrisch worden, ich lachte wohl von Herzen drüber.Wo mir recht ist, so war der Glöder auch von Komödie vonSejanus und damals in der Sapienz. Apiarius kenne ich garnicht. Tobias Metzler habe ich gekannt, aber er war kein Doktor.Ohne Ruhm zu melden, so war mehr Politesse an unsrem Hof,als bei dem jetzigen Hof. Nichts von den alten Zeiten kommtmir nie nichts albern vor und thut mir einen rechten Gefallendavon zu reden und das Neue höre ich gern, um den Unterschiedzu sehen. Seid nicht so einfältig zu glauben, daß junge Manns-leute bei jetzigen Zeiten ohne Mätressen leben. Das verunehrteinen Herrn gar nicht. Pfalzgraf von Birkenfeld ist ein tapferer,wackerer Herr, der gute Qualitäten hat und ein gut Gemüt. Ichmöchte ihm gern alles Glück gönnen. Wenn der Prinz von Sulz-bach im männlichen Alter sein wird, wird er ebensowohl Mätressenhaben. Wenn Kurpfalz noch Erben will, muß die Gemahlin sichbald eilen zu sterben. Denn nach sünfzig Jahren hat man seltenviel Erben. Ich wollte gern noch länger plaudern, aber ich muß'nüber zum Nachtessen. Adieu, Herzliebe Ameliese! EmbrassiertLouise von meinetwegen und seid versichert, daß ich Euch vonHerzen lieb behalte!
r) Richtiger: Tragödie von Jean Magnon.2 ) „Der.treue Schäfer" von Guarini.