132 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.
An dieselbe.
(108) Versailles, 8. Juni 1709.
Was soll ich hier anfangen? Alle jungen Leute sowohl, als
die alten, laufen der Faveur nach. Die Akuutevou kann michvor ihren Tod nicht leiden, die Duchesse äs UvurZogns hat nurlieb, was diese Dame lieb hat. Ich habe all mein Bestes ge-than, dieser allmächtigen Dame Gnade zu erwerben, habe abernicht dazu gelangen können, bin also von allem ausgeschlossen undsehe den König nur an Tafel abends. Freilich muß ich hier nichtsthun, als was andre wollen. Ich war weniger gebunden, wiemein Herr s. noch lebte, als nun; ich darf nicht außer Versaillesschlafen, ohne des Königs Urlaub. Also seht Ihr wohl, daß ichnicht unrecht habe, mich bei Euch in die liebe Pfalz zu wünschen,aber unser Herrgott will nicht, daß man in dieser Welt völligvergnügt sein soll. Amelie und Ihr habt die Freiheit, aber Ihrseid ungesund; ich bin in der Sklaverei, aber ich habe, Gott seiDank, gar eine vollkommene Gesundheit. Meint Ihr, daß manhier nicht Lamentieren hört? Nacht und Tag hört man nichtsAndres. Hier ist nun die Hungersnot so violent, daß Kindereins das andre schon gefressen haben, das ist ärger als einentotgeschlagen finden. Der König ist hier so resolviert, den Kriegfortzuführen, daß er heute Morgen all sein Goldservice, Teller,Schüssel, Salzfaß, Summa alles, was er Goldes hat, in dieMünz geschickt, Louisdor davon zu münzen.
An dieselbe.
(109) Versailles, 20. Juli 1709.
Von hier kann ich Euch nichts Neues sagen, als daß ich in
einem großen Labyrinth stecke, indem mein Schatzmeister mir mehrals hunderttausend Thaler gestohlen und läßt meine Leute undmich ohne einen Heller. Man wird ihn nun Rechenschaft gebenmachen. Unterdessen ist es gar ungemächlich, so ohne einen Hellerzu leben, aber es ist mein Verhängnis, allerhand Verdrießlich-keiten zu erleben.
An dieselbe.
(11V) Versailles, 27. Juli 1709.
Herzliebe Louise, ich bin recht in Sorgen für Eure Gesund-heit, nun ich seit vergangenen Mittwoch Euer Unglück gewiß