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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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140 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.

nehmen, daß Ihr noch allezeit so in Gnaden bei der Kronprinzeßvon Preußen seid. Das gibt mir gute Opinion von I. L. Ge-müt, daß sie beständig für ihre guten Freunde ist.

An dieselbe.

(l16) Marly, 9. November 1709.

Ich weiß wohl, was Avenüen sind. In Frankreich ist keineinzig Landhaus, so nicht Avenüen hat, da kann man auch wohlin spazieren. Wie ich mir diesen Ort einbilde, sollte er ange-nehmer im Maien sein, als im Herbst. Hier im Land hat esnur gereift und gar nicht Eis gefroren, wir haben aber kalteWinde gehabt, wovon jedermann Husten und Schnupfen bekom-men. Ist es möglich, daß Ihr, liebe Louise, nie keine Parforce-Jagd gesehen habt? Ich habe gewiß mehr als tausend Hirschfangen sehn, habe auch manchen braven Fall im Jagen gethan.In 26 mal, daß ich gefallen bin, habe ich mich nur ein einzigmal wehe gethan, und dazu rannte ich damals nicht, ich fandaber einen Stein unter dem Ellenbogen, der mir den Arm ver-renkte. Bei allen andern Fällen ist mir nicht der geringsteSchaden widerfahren; das hat mich so geherzt rennen machen.Des Kurfürsten Pferd müssen gute Schenkel haben, denn in denHügeln auf und ab zu rennen, fällt man gar leicht. Sollte dasWetter zu der Göhrde werden, wie wir es seit 9 Tagen hierhaben, glaube ich nicht, daß ma tauts wird halten können, nichtiu dem Wald zu spazieren. Wie kann der Kurfürst leiden, daßMadame Sastot, über Euch sitzt? Vergißt er denn, daß IhrGeschwisterkind mit ihm seid, eine Reichsgräfin? Und MadameSastot ist ja nur eine simple Dame und gar keine Gräfin.Wenn sie den Hofmeisterinnen solchen Rang geben wollten, solltensie auch alle lauter Reichsgräfinneu zu Hofmeisterinnen nehmen,so wäre nichts dagegen zu sagen. Der Kurfürst thut sich selberunrecht, wenn er solche Possen anfängt. Solche Pillen sind hartzu verdauen, wünsche, daß Euch dergleichen nicht oft kommenmöge. Gestern sah ich einen Herrn, den ich längst gern gesehenhätte, weil ich so gar viel von ihm gehört hatte, nämlich Kur-bayerns. I. L. sind ganz inkognito hier, wollen weder Visiten

') Der Kurfürst Maximilian Emanuel, seit 1701 mit Frank-reich verbündet.