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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Brisse der Elisabeth Charlotte von Orleans. 147

An dieselbe.

(123) Marly, 24. August 1710.

Daß alles von Gott über uns verhängt ist, was uns ge-schehen soll, ist wohl gewiß, und ich kann nicht begreifen, wieman es bestreiten mag, denn man verspürt's an sich selbsten undan andre. Man kann nichts gegen die Empfindlichkeit lernen,liebe Louise! Das muh seinen Gang haben, das bringen wirmit auf die Welt und hört nicht ehe auf, bis die Seele vomLeib scheidet. Es ist wohlgethan, nach dem ewigen Leben zu trachten,allein St. Paulus lernt ja, daß es nicht an jemands Lausenliegt, sondern daß die allein das Ziel erreichen, welchen Gott esvorsehen hat. Ich fürchte, den Frieden nicht zu erleben und kannnicht erdenken, wie er kommen könnte; glaube, daß es Gott derAllmächtige allein weiß, aber kein Mensch es verraten kann. Gottgebe es bald! Das hätte ich wohl erraten, daß wie wa taute-,unsre liebe Kursürstin, allein zu Hcrrnhausen geblieben, daß siedero Enkel würde mit sich essen machen. Mich wundert, daß dergeistliche Italiener geistlich erschienen, da er nach Holland undEngland geht, denn ordinär nehmen sie andre Kleider, thun Kra-watten und Degen an. Weilen diese Italiener so dicke Kopf haben,könnten sie eher für Lutheraner, als Katholische gelten. Seit gesternhaben wir auch ziemlich kühle Luft hier, man meint doch, daß esdie Trauben noch nicht verderben kann. Ich weiß wohl, daß an-statt Trauben Hopfen zu Hannover wachsen. Was trinkt Ihrzu Hannover, Bier oder Wein? Wie ich dort war, trank ichminder Bier, aber zuletzt ein wenig puren Wein, ist mir wohlbekommen. Wir haben seit wir hier sind, nämlich seit Mittwoch,zwei schöne Hirschsagden gethan, ich in Kaleschen und alle jungeBursch zu Pferd. Mein Gott, wie alles ändert! Vor diesem,wie ich noch jung war, hätte ich wohl nicht erdenken können, daßich ohne Mühe reiten sehen konnte, wenn ich nicht selber mitreitensollte; nun frag ich kein Haar mehr darnach und denke kaum, daßich mein Leben geritten habe.

An dieselbe.

(124) Versailles, 14. September 1710.

Herzliebe Louise, es ist mir heute etwas begegnet, so mich

in gar großer Eil auf Euren lieben Brief wird antworten machen.Ich bin nach dem Essen entschlafen und die Hex, die Lenor, die