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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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160 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans.

Mühe haben drauf zu antworten, denn ich habe den ganzen Tagbitterlich geweint und nicht ohne Ursach, denn ich habe heute diebetrübende Zeitung erfahren, daß meine Tochter noch ihren ältestenSohn und letzte Tochter verloren, und die zwei jüngste Prinzensind noch nicht außer Gefahr, also zu fürchten, daß innerhalb8 Tagen meine Tochter all ihre schöne und liebe Kinder verlierenwird. Ich fürchte, sie wird aus Leid sterben oder den Verstandverlieren, denn die artige Kinder waren meiner Tochter einigeLust und Freude. Alle Menschen, die sie sahen, lobten ihren Ver-stand und Schönheit. Es penetriert mich ganz. Die gute Kin-der, die 3, so todt sind, schrieben mir alle Woch, nun habe ichuur zu viel Zeit zu schreiben. Die Kaiserin ist auch wohl zuerbarmen. Es geschehen so viel Unglück, als wenn die Schalenvon der Offenbarung St. Johannis ausgeschüttet wären. Glockenkann ich gar nicht leiden, würde mir wohl die Ohren verstopfen,wenn ich es hören sollte. Meine arme Tochter ist schwanger, alsosehr in Gefahr. So bußfertig der Kaiser auch mag gestorbensein, bin ich sicher, daß meine Enkeln eher im Himmel sind. Ichwollte gern mehr schreiben, allein mein Kopf erlaubt mirs garnicht, noch meine Augen, versichere nur, daß ich Euch von Herzenlieb behalte.

An dieselbe.

<141) Marly, 28. Mai 1711.

Wohl dem, so noch gehen kann! Ich kann es schier garnicht mehr. Ich höre noch gern, daß noch rechte Prinzen vonAnhalt sind und nicht alle vcrquackelt als wie der mit seinerApothekerstochter. Wenn ich Utrecht nennen höre, denke ich nochan meine junge Jahren, wie ich dort gewesen. Wollte Gott,wir wären noch zu der Zeit und ich wüßte, was ich nun weiß.Hier haben wir wenig Neues. Gestern kam Kurbayern her, ichhatte aber die Ehre nicht, I. L. zu sehen, denn sie gingen in desKönigs Kabinett, wo Profanen, wie ich bin, nicht hinkommen, undim Salon, wo man spielt, gehe ich nicht hin, denn die Spielersehen die, so nicht spielen, scheel an und meinen als, man bringtihnen Unglück, drum gehe ich nie hin. Heute aber habe ich I. L.auf der Jagd gesehen und gesprochen. Mein Gott, wie ist derHerr geändert seit vergangenen Jahr! Sein Kinn ist spitz, seineNas' auch, der Mund eingefallen, so daß Kinn und Nas' schier