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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.

gethan, so in seinem Vermögen gestanden und sein Leben niemandnichts Böses gethan. Ich glaube nicht, daß erlebt ist worden,was man hier sehen wird, nämlich Mann und Frau in einemWagen nach St. Denis zu führen. Ich bin noch so voller Schrecken,daß ich mich nicht erholen kann, ich weiß schier nicht was ichsage. E. L., die so ein gut Gemüt haben, werden gewiß Mit-leiden mit uns hier haben, denn die Traurigkeit, so hier regiert,ist nicht zu beschreiben; ich glaube schier: wir werden, alles washier ist, eins nach dem andern wegsterben . . .

An Louise.

(147) Marly, 7. April 1712.Der guten Frau von Wollmershausen Tod ist mir recht zu

Herzen gegangen, die Thränen sind mir drüber in den Augenkommen. Mein Gott, liebe Louise, wie habe ich seit 6 Wochenein elend und betrübt Leben hier geführt in täglichen Thränen!Die angenehme Dauphins und ihren gottesfürchtigen Herrn undartiges Prinzchen in 3 Wochen Zeit so sterben zu sehen, war wohlwas Erbärmliches H, aber daß man meinen Sohn so verlogen,ist mir, wie Ihr wohl denken könnt, noch mehr zu Herzen gangen?)

An dieselbe.

(148) Marly, 7. Juli 1712.Ich muß allezeit spät abends schreiben, den Tag über hat

man zu viel Verhinderungen, ich bin's gewohnt, es schadet mir

') Vgl. oben S. 163 A. 2.

2) Schon am 20. Februar 1712 schreibt Elisabeth Charlottean die Kurfürstin Sophie von Hannover:Böse Gemüter habendurch ganz Paris ausgebreitet, mein Sohn habe den Dauphin undDauphine vergiftet. Ich, die mich auf seine Unschulv wollte brennenlassen, habe es erst für Narretei gehalten und nicht gedacht, daßes möglich sein könnte, daß man eine solche Sach' ernstlich sagenkönnte; allein man hat dem König die Sach' so ernstlich vorgetra-gen, der doch gleich meinem Sohii davon mit Güte gesprochen undversichert, daß er es nicht glaubt." Daß mau ihrem Sohne auchden Tod des kleinen Dauphins schuld gegeben, berichtet unsre Her-zogin der Kurfürstin in einem Briefe vom 10. März 1712. Aufdieselben Verleumdungen kommt sie wieder zurück in Briefen vom21. Februar, 19. März und vom 8. April 1712. Man vgl. dieBriefe bei Ranke, Französische Geschichte V, S. 429434. An-merkung Hollands.