Briefs der Elisabeth Charlotte von Orlöans. 177
mit den Euren zu mischen. Unser Verlust ist unendlich, meinWeinen kann aufhören, aber nie meine Traurigkeit nicht. Dieseliebe Kursürstin s. war all mein Trost in allen Widerwärtig-keiten, so mir hier so häufig zugestoßen sein, wenn ich es I. L. s.geklagt und Schreiben wieder von sie empfangen, war ich wiederganz getröstet. Nun bin ich, als wenn ich ganz allein auf derWelt wäre. Ich glaube, daß mir unser Herrgott dies Unglückzugeschickt, um mir die Angst des Sterben zu benehmen, dennes wohl gewiß ist, daß ich nun ohne Leid mein Leben endenwerde und ohne nichts in dieser Welt zu regrettieren. MeineKinder sind versorgt, haben auch Trost genug in dieser Welt,um mich bald zu vergessen können, also hält mich nichts mehraus, wenn es Gottes Will wird sein, mich abzufordern. Wennes bald geschehen könnte, wäre es eine große Gnade vor mir,denn so käme ich meiner Qual ab. Ich war Willens, heuteauf Euer liebes Schreiben vom 4. dieses Monats zu antworten,das ich zu Rambouillet empfangen hatte und worauf ich nichteher geantwortet habe, weilen ich gefürchtet, daß mein Bries ver-loren würde werden, weilen Ihr auf der Reise wäret. Ich bitteEuch, liebe Louise, laßt Euch alle meine Paketen geben, zieht,was vor Euch ist, heraus und wollt Ihr lesen, was ich geschriebenhabe oder nicht, das stehet bei Euch, brennt es nur hernach! Und
sollte Monsieur de Wersebö mit meinem Paket ankommen, so
bitte ich Euch, es zu lesen und auch zu brennen, denn Ihr werdetdraus ersehen viel Sachen, so Ihr vielleicht nicht wißt. Ich glaube,unser Herrgott wird Euch haben weggehn machen, um Euch denabscheulichen Schrecken zu ersparen, denn was man hört, ist nichtso abscheulich, als was man sieht, aber die Betrübnis ist eben
gleich. Ich wollte von Herzen gern noch länger sprechen, denn
es erleichtert das Herz, mit denen zu reden, welche in selbigenStand sein wie wir, allein, Herzliebe Louise, mein Kopf und Au-gen thun mir so erschrecklich wehe vom vielen Weinen, daß ichkaum weiß, was ich sage; muß Wider Willen enden und nichtsmehr sagen, als daß ich Euch von Herzen lieb behalte, so langmein elendes Leben dauern wird.
Die Kurfürstin Sophie starb am 18. Juni 1714. El. Charl.schrieb ihr bis zuletzt; der letzte an sie gerichtete Brief trägt dasDatum 15. Juni.
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