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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 167

wie Ihr ihn, liebe Louise, Eures Respekt versichert. Er hat mirnur eine große Reverenz gemacht, aber nichts geantwortet. Ichbin gar nicht in seinen Gnaden. Ich glaube, daß er meint, ichwürde von Religion reden und ihn persuadieren wollen zu ändern,denn es ist noch gar nicht geschehen. Aber der gute Herr betrügtsich sehr, ich bin gar kein Apostel und finde gar gut, daß einjeder nach seinem Gewissen glaubt; und sollte man meinem Ratfolgen, würde nie kein Zank über die Religion werden und manwürde die Laster, und nicht die Glauben verfolgen und suchen zuverbessern mit korrigieren. Aber der gute Kurprinz ist so ver-scheucht, daß, ohne zu examinieren alles bang macht. HaM hatmich wenig zusprechen lassen, seinem Prinzen zuzusprechen, alleinich habe geantwortet, daß ich die Kontroversen gar nicht verstehe,und mich nur um meinen eignen Glauben bekümmern könne. Alsothut mir der Kurprinz groß Unrecht, mich zu sehr zu scheuen. Ichmag ihn auch wohl übel gefallen, weilen ich ein alt Weib bin,aber das stehet nicht zu ändern und wird alle Tage ärger werden.Weilen dieser Herr noch bisher fest auf seine Religion gehaltenhat, kann ich nicht glauben, daß er jemals ändern wird. KeineBibel hat der Prinz, noch Gesangbuch, allein er hat ein Buch miteigner Hand geschrieben, worinnen er betet, wie seine Leute sagen.Ich glaube nicht, daß ihm hier etwas gefällt, außer die Jagd.Er ist chokiert, daß sich die Weiber hier so sehr schminken. Ichkenne ma tauto s. wohl an, was sie possierliches durch Euch anden Kurprinzen hat sagen lassen. Es ist wohl recht possierlich,wenn ein Türk sich zu der christlichen Religion begeben thäte unddoch im Herzen ein Türk oder Heid bliebe. Das wäre Heuchelei,liebe Louise! Aber in den christlichen Religionen nur die Bibelauszulegen und zu glauben wie man kann und in seinem Herzenbegreift, das kann nie geheuchelt heißen. Christen sollen alle Brü-der sein, und es ist nur der Pfaffen Schuld, die durch ihren Ehr-geiz die christliche Religion gegeneinander hetzen und den Zwie-tracht machen, um daß ein jedes in seiner Religion regieren mögeund den Meister spielen. Den Kurprinzen sehe ich selten, dennich habe nachmittags weder Musik, noch Spiel und Gesellschaft,leb vor mir weg und hantiere wenig Leute. Die ich sehe, trak-tiere ich so höflich, als mir immer möglich ist, aber weder großeGemeinschaft noch Vertraulichkeit habe ich mit niemands. Ichglaube nicht, daß der Kurprinz nie bekannt mit mir wird, ich