198 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.
sehe wohl, daß er mich scheut. Hier spricht er gar wenig, manmuß ihm die Wörter auspressen. Er ist schön von Gesicht, hatgute Manieren und Mienen; das Wenige, so er spricht, ist wohlgesagt, man sieht wohl, daß er Verstand hat und angenehm ist,wenn's ihm beliebt. Er gefällt hier an jedermann. Das ist, wasich Euch vom Kurprinzen von Sachsen sagen kann.
An dieselbe.
(177) Versailles, 27. Oktober 1714.
Vergeßlich bin ich, das muß ich gestehen und kann's nichtleugnen, denn ich habe leider das schlimmste Gedächtnis von derWelt. Seit meinen Kinderblattern ist mir das Gedächtnis so ge-schwächt, denn ich hatte soviel Kinderblattern in dem Kopf alsäußerlich, denn ich habe ausgedrückte Blattern Monate nachein-ander geputzt und gespieen. Das Alter aber thät es wol von sichselber, denn 62 Jahre sind keine Jugend nicht. Das schlimmeGedächtnis macht mich als fürchten, daß ich bald kindisch werdewerden, denn das sängt ordinär bei dem Vergessen an. Gottwolle mich gnädig davor bewahren, wollte liebersterben! Ich binin Sorgen wegen Euer Kopfweh, verlange sehr wieder Zeitungvon Euch, liebe Louise, zu haben, um zu erfahren, wie es mitEuch stehet, denn ich fürchte sehr, daß eine Krankheit draus wer-den möchte. Gott gebe, daß ich mich betrüge, und daß ich balderfahren möge, daß Ihr wieder in vollkommener Gesundheit seinmöget! So große Freude man auch in London bezeugt, so traueich doch den Engländern kein Haar. Aber da kommt Madame1a xriaossss herein; sobald sie weg sein wird, werde ich aus-schreiben. Madame !a priaessss mit ihrer schönen Enkel, Made-moiselle de Vermont geht alleweil weg, ist eine gute Stunde hiergewesen. Ihr schön Enkel heißt Mademoiselle de Clermont, mankann kein schöner Gesicht malen. Viele Leute, so Madame de Ma-zarin gesehen, finden, daß sie ihr gleicht, aber hübscher ist. Ichkomme aber wieder aus Euer Schreiben. Vor den König, vorPrinz Ernst August und die Prinzeß wie auch das kleine Prinz-chen, vor alle die interessiere ich mich von Herzen, aber wie manmir den Prinz de Galles beschrieben, kann er mir gar nicht ge-fallen, denn die Manieren äs pstit-iaartrs st marguls, sokann ich die Leute nicht leiden, unter uns geredet. Der Pöbel istallezeit insolent und unbeständig, heute brennen sie ihren gewese-