202 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.
Ich kann nicht begreifen, liebe Louise, wie Ihr Euch so leichtresolvieren könnt, übers Meer zu gehen. Wer mich resolvierenkönnte, übers Meer zu gehen, der müßte mir gewiß wohlverobligiert sein, nichts kommt mir abscheulicher vor, als dieSee. Zudem so ist Euer Schwager ein wunderlicher Mann,bei dem Ihr, wie Jhrs auch ansangen mögt, keinen Dank ver-dienen werdet. Und weilen Ihr hübsch ruhig und gemächlich zuFrankfurt eingerichtet seid, thätet Ihr. däucht mir, besser an diePrinzeß de Galles zu schreiben, daß sie sich Eurer Nii-ce an-nimmt, weilen sie doch Eure gute Freundin, und Euer Schwagerwird sich eher drin ergeben müssen, als was Ihr ihm sagen mögt.Ich sage aber nur meine Meinung und schreibe Euch hierin nichtsvor. Zu meiner Zeit sagte man das Sprichwort, so Ihr citiert,von der Geis anstatt des Esels, und man sagt: „Bricht einBein" und nicht: „den Hals". Euch in Lebensgefahr zu setzen,wollte ich Euch wahrlich gar nicht raten. Schont Euer umGotteswillen, liebe Louise! Man hat nur ein Leben in dieserWelt, verliert man's, bekommt man kein andres.
An dieselbe.
(180) Versailles, 2. Dezember 1714.
Herzallerliebste Louise, des Duc de Schomberg SekretärsPaket mit den deutschen Gazetten habe ich heute empfangen,danke Euch sehr, die Ordre gegeben zu haben, denn sie amüsierenmich sehr. Ich hatte gehofft, schon vor 8 Tagen auf Euer liebesSchreiben vom 13. zu antworten, es war mir aber unmöglich,es kamen mir zu viel Verhindernde. Ich war willens denSamstag herzukommen, aber selbigen Tags konnte ich meinesSohnes Gemahlin keine Visite geben, denn der König jagte mitihres ältesten Bruders, des äuo cku Nains, Hunden, mußte alsomeine kleine Reise auf Sonntag sparen. Montag haben wir wie-der gejagt, Dienstag habe ich wegen Affairen zu Paris zu schrei-ben gehabt und an meine Tochter, hatte also Eure Antwort, liebeLouise, bis aus andern Tag verschoben, aber, liebe Louise, Mitt-woch habe ich einen solchen abscheulichen Schrecken gehabt, daß ichnoch nicht davon entsetzt bin. Wie ich nach dem Essen in meinKabinett saß und eben angefangen hatte, an die Herzogin von
') Der Herzog von Schomberg.