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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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218 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans.

An dieselbe.

(192) Marly, 14. Mai 1715.

.... In alle Kalender setzt man ordinär alle sichtbare und

unsichtbare Finsternis. Hier ist sie nicht so total gewesen, alsin England. Vor 9 Jahren war auch eine hier, selbige hatzwar nicht so lang gewährt, war doch dunkler als diese letzte; siewar damals in Spanien so total, als sie dies Jahr in Englandgewesen. Es ist wahr, daß viel Kuriosen von hier nach Englandsind, die Eklipse zu sehen. Ich bin auch ziemlich ourisuss, abernichts könnte mich aus Kuriosität über die See führen. Sonnen-und Mondfinsternisse sind nichts Sonderliches, es geschehen alleJahr, aber sie sind nicht allezeit an einem Ort sichtbar. Waszu admirieren ist, ist die Rechenkunst, wodurch man so gewiß allerPlaneten Lauf wissen kann, die die Sonnen- und Mondfinsternisauf eine Minute, hundert Jahr ehe sie geschieht, vorhersehenkönnen und just prophezeien. Viel Leute, so es gerad in dieSonne haben sehen wollen, denen hat es wehe an den Augen ge-than; man macht aber Gläser mit dem Rauch drüber, dadurchsehen wir hier, so kann es nicht wehe an den Augen thun. DerMetzger muß wohl ein Narr gewesen sein, so nicht aus seinemHaus gewollt, da man ihn doch gewarnt, daß es einfallen würde.Gott verzeih mir's! Ich hätte schier gesagt:Es ist ihm Rechtgeschehen!" Man lügt an allen Orten wohl abscheulich, unserKönig ist wohl ganz und gar nicht kindisch, sondern hat noch,Gott Lob, seinen guten Verstand. Ich radotiere mehr als I. M.,denn ich verliere ganz das Gedächtnis, glaube, daß ich ersterTagen mit Puppen spielen werde. Schreibt mir, was die PrinzeßAnne Euch sagen wird. Ich höre so gern der Kinder Räsonne-ments, finde artig, wenn sie räsonieren.

An dieselbe.

(193) Marly, 28. Mai 1715.

.... Herzliebe Louise, ich danke Euch auch gar sehr vor

das angenehme Präsent, so Ihr mir mitgeschickt habt. Ihr hättetmir wohl nichts Angenehmeres Euer Leben geben können, liebeLouise, und weilen Ihr gern Haar von Euren Verwandten undLeuten so Euch lieb sind, habt, so schicke ich Euch hierbei vonmein und meines Bruders s. Haar, so er mir vor seinem Endgeschickt hatte, ich hoffe, daß es Euch auch angenehm sein wird.