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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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Briefs der Elisabeth Charlotte von Orleans. 227

wollte, daß sich alle Religionen vergleichen könnten und nurEin Hirt und Eine Herde machen. Daß man denen die Ge-wehr nimmt, so man heimlich mit Bajonetten findet, das kannkein Mensch desapprobieren. Ihr werdet aus meinem letztenSchreiben ersehen haben, liebe Louise, wie daß ich den höflicheneigenhändigen Bries von König Jörgen wohl empfangen habe.Hier bei Leonen erzählt man eben so eine Historie wie die, soIhr mir da erzählt habt. Wie der Mann und die Frau totwaren, hat man ihnen nachfolgendes Epitaph gemacht:

la 8osur, oi-Zit Is krerslli-Zit is, kille, oi-Aib 1s psrs.lli-Ait In kerams ek Is inariLk il s, Ms 6enx oorps ivi 's.

Madame de Maintenon ist nicht krank gewesen, sie ist frisch undgesund. Wollte Gott, unser König wäre so wohl, so wäre ichin weniger Sorgen, als ich leider bin! Es ist gewiß, daß michdes Königs Krankheit Angst einjagt, daß mir das Herz zittert!Ich kann nicht wohl mehr drüber schlafen. Warum weint Ihr,liebe Louise? Thut man Euch etwas Widerliches in England,so könnt Ihr Euch ja herausreißen und wegziehen. Meine Kut-schen sind kommen; ich habe den Kopf duselig, muß ein wenigfrische Luft nehmen; diesen Abend werde ich ausschreiben.

An dieselbe.

(202) Versailles, 27. August 1715.

Herzallerliebste Louise! Ob ich zwar in einer solchen ab-scheulichen Betrübnis bin, daß ich nicht weiß, was ich thue oderrede, so will ich doch auf Euer liebes Schreiben antworten, soviel mir möglich wird sein, muß aber vorher sagen, daß wirgestern das betrübtest? und touchanteste Spektakel gesehen haben, soman sein Leben sehen wird. Unser lieber König, nachdem er sichzum Tod bereitet, und wie es hier der Brauch ist, seine letztenSakramente empfangen vorgestern um 8 Uhr abends und allesordonniert, wie er es nach seinem Tod will gehalten haben, hatden jungen Dauphin ^) holen lassen, ihm seinen Segen gegeben

')Hier liegt Schwester und Bruder, Tochter und Vater, Frauund Mann, trotzdem liegen nur zwei Körper hier."

2) Der spätere Ludwig XV., damals ein fünfjähriger Knabe,geb. 15. Febr. 1710.