22^ Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.
und zugesprochen. Hernach hat er die Duchesse de Berry, michund alle seine andern Töchter und Enkel kommen lassen; er hatmir mit solchen tendren Worten Adieu gesagt, daß ich mich nochselber verwundere, wie ich nicht stracks ohnmächtig worden bin.Er hat mich versichert, daß er mich allezeit geliebt hätte, undmehr, als ich selber gemeint, daß es ihm leid sei, daß er mirjemals Chagrin gegeben. Er bäte, ich sollte mich doch seiner etliche-mal erinnern, welches er glaubte, daß ich thun würde, weilen erpersuadiert sei, daß ich ihn allezeit lieb gehabt hätte; daß er mirim Sterben Glück und Segen wünsche und daß ich all mein Lebenmöge vergnügt zubringen. Ich warf mich auf die Kniee, nahmseine Hand und küßte sie, er embrassierte mich. Hernach spracher an die andern, er sagte, er rekommandiere ihnen die Einigkeit.Ich meinte, er sagte es zu mir, ich sagte, daß ich E. M. in diesund all mein Leben gehorsamen würde; er drehte sich herum,lächelte und sagte: „Ich sage Euch dies nicht, ich weiß, daß Ihr-es nicht von nöten habt und zu räsonabel dazu seid, ich sage esan die andern Prinzessinnen." Ihr könnt leicht gedenken, inwelchen Stand mich dies alles gesetzt hat. Der König hat eineFermets, die nicht anzusprechen ist, gibt alle Augenblick Ordre,als wenn er nur eine Reise thäte. Er hat an alle seine Leutegesprochen und Adieu gesagt. Meinem Sohn hat er alles anbe-fohlen und ihn zum Regenten gemacht mit solcher Tendresse, daßes durch die Seele dringt. Ich glaube, daß ich die erste vomköniglichen Haus fein werde, so den König folgen wird, wenn erstirbt; denn er lebt noch, aber wird doch schwächer und es istnichts zu hoffen leider. Warum ich glaube, daß ich die erste seinwerde, so den König folgen wird, ist erstlich mein hohes Alter,zum andern, sobald der König verschieden wird sein, führt manden jungen König nach Vincennes, wir andern alle aber werdennach Paris, wo die Luft mir schädlich; ich werde dort in meinerTraurigkeit sitzen, ohne gute Luft, ohne Exerzitien, werde also nachaller Apparenz krank werden müssen. Es ist nicht wahr, daßMadame de Maintenon tot ist, sie ist in voller Gesundheit inKönigs Kammer, welche sie weder Nacht noch Tag quittiert. Dasist alles, was ich Euch von diesem betrübten Zustand, worinnenwir hier leben, sagen kann. Ich war nicht lustig vorher, dennum taats liegt mir immer auf dem Herzen, aber dieses nun gibtmir den Garaus. Es ist mir, ich könnte es unmöglich überstehen.