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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
Entstehung
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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlsans.

9 Uhr morgens. Ihr könnt wohl gedenken, daß ich viel Visitenhabe empfangen müssen und geben, und viel Bries empfangen undschreiben. Heute habe ich eines von Euren lieben Schreiben em-pfangen vom 2. September/22. August; vorgestern habe ich dasvom 18./29. August auch bekommen, kann aber unmöglich heutaus beide antworten, nur auf das letzte. Freilich bin ich nun involler Betrübnis, sowohl wegen des Königs Verlust, als auch,daß ich in das verfluchte Paris muß und vor ein ganzes Jahr.Werde ich aber krank, so gehe ich durch und gehe nach St. Cloud.Mein Gott, was werde ich doch vor eine Qual ausstehen! Aberklagen hilft zu nichts. Es ist besser, daß ich aus Euer liebesSchreiben antworte. Ich bin ganz natürlich; wenn mir was zuHerzen geht, muß ich es ganz empfinden, bisher hat es mich nochnicht geschadet; aber es ist doch wahr, daß ich einen großen Trostempfangen, daß das ganze Volk, die Truppen und das ganzeParlament vor meinem Sohn gewesen sind und seine Feinde, dieden König aus seinem Todbett betrogen und gegen meinen Sohnhaben unterschreiben machen^), den Affront gehabt, daß mein lieberSohn öffentlich vor Regent ist erklärt worden und sie mit ihrerKabale haben zedieren müssen. Mein Sohn nimmt sich aber derSachen so abscheulich an, daß er weder Nacht noch Tag mehrRuhe hat. Ich sorge jetzunder, daß er krank drüber möge werden,und sonst fahren mir noch manche traurige Gedanken durch denKopf, die ich nicht sagen kann; also ist doch der Trost nicht voll-kommen. Mein Sohn hat selber öffentlich im Parlament gesprochenund man versichert, daß er nicht übel soll geredet haben. Danktdem Baron Görtz sehr vor sein Kompliment und daß es michfreut, daß er sich noch vor mich und die Meinigen interessiert!Was Ihr uns wünscht, könnte ohne Mirakel geschehen, der jungeKönig ist gar delikat. Dieselben Minister, so zu unsres verstorbenenKönigs Zeiten regiert, sind noch in ihren Plätzen, also ist nichtzu glauben, daß sie weniger eurisnx sind, als sie gewesen, undmuß man sich gefaßt halten, daß die Briefe noch geöffnet werden.Zu Paris ist es schier unmöglich, daß ich mich konserviere, dennwas mich bisher die Gesundheit erhalten, war die Luft und Exer-zitien, jagen und spazieren fahren. Zu Paris habe ich weder

') Der Herzog vonOrlöans war im Testament Ludwigs XIV.nur als Haupt eines Regentschaftskollcgiums eingesetzt worden.Die geschilderte Szene im Parlament ist vom 2. Sept.