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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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232 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans.

Luft, noch Exerzitien; was draus werden wird, soll die Zeit lehren.Was Gott will, da werde ich mich ihm ergeben, aber die abscheu-liche Bosheit und Falschheit der Welt verleidet einem das Lebensehr. Von aller Welt geliebt sein, kann ich mich wohl gar nichtflattieren.

An dieselbe.

(203) Paris, 10. September 1716.

Alle unsre Sorgen vor dem König sind

leider zum End. Gestern hat man unsern König selig nachSt. Denis geführt. Das ganze königliche Haus ist zerstreutwie Staare. Der junge König fuhr gestern nach Vincennes,Madame de Berry nach St. Cloud, meines Sohnes Gemahlinund ich hierher, mein Sohn kam erst her, nachdem er den jun-gen König nach Vincennes begleitet halte; wo alle andern hin-kommen sind, weiß ich nicht.

An dieselbe.

(204) Paris, 13. September 1715.-Ach, liebe Louise, mich wundert nicht, daß

Euch unsers Königs s. Tod zu Herzen gangen. Was ich Euchdavon geschrieben, ist nicht zu vergleichen, was wir leider gehörtund gesehen haben. Der König war von sich selber gut und gerecht,allein das alte Weib hatte ihm so eingeprägt, daß es niemandgut mit ihm meint, als sie und seine Minister, daß er niemandals sie, seinem Beichtvater und seinen Ministern getraut; undwie der gute König nicht gelehrt war, also hat der Jesuit unddas alte Weib in geistlichen Sachen, und die Minister in welt-lichen Sachen dem König alles weiß gemacht, was sie gewollthaben, und die Minister waren meistenteils der alten Zott Krea-turen. Also kann ich mit Wahrheit sagen, daß alles, was Bösesgeschehen, nicht vom König kommen. Man hat ihm als weißgemacht, seine Seligkeit bestehe darauf, und Ihr wißt, liebeLouise, wenn man davon persuadiert ist, ist man leicht zu abu-sieren^). Meine Augen thun mir noch wehe vom abscheulichenWeinen, wie ich von Versailles weg bin. Ich habe wohl nichtohne Ursache geweint, denn ich bin hier wohl eine gequälteSeele, habe keinen Augenblick Ruhe, werde allezeit interrompiert.

Täuschen.