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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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236 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.

An dieselbe.

(2071 Paris, 24. September 1715.

Meinen Sohn sehe ich nur einmal desTages, es ist morgens oder abends, bleibt aber keine halbe Stundebei mir; er ißt zu. Mittag und zu Nacht bei seiner Gemahlin.Ich esse ganz allein, bin mit hundert Gesichter umringt, mitwelchen ich reden muß, ich mag lustig oder traurig sein; denganzen langen Tag kommen Leute, so mich im Schreiben inter-rompieren, die muß ich wieder entretenieren, das währt bis 8abends. Summa, ich habe hier nichts, als Zwang und Wider-wärtigkeit, und nie nicht die geringste Freude oder Vergnügen.So ist mein elendes Leben nun bestellt, liebe Louise! Aber manmuß wohl wollen, was Gott will. Mein Gott, liebe Louise,ich sehe wohl, daß Ihr dies Land nicht kennt! Mein Sohnwird nun bis im Himmel erhoben, weilen alle meinen, wasvon ihm zu profitieren. Aber wie allemal über 50 begehren,was nur einer haben kann, so macht man gleich 49 Malkontentsund so viel Feinde von allen Ständen. Mein Sohn gibt sichso große Mühe von 6 morgens an bis 12 in Mitternacht, daßsehr zu fürchten ist, daß er drüber krank wird werden. Ver-gangenen Donnerstag fand er sich so erhitzt, daß er um 9 abendszur Ader ließ, 4 große Paletten 16 Unzen Blut. AndernTags, als Freitag, hielt er 8 Stunden oonssil äs Knurios undarbeitete hernach noch mit unterschiedlichen Ministern bis nachMitternacht. Alles ist in einer so großen Unordnung, daß esin 10 Jahren nicht nach Vergnügung kann zurecht gebracht wer-den, und ich fürchte, daß mein Sohn unterdessen eine großeKrankheit bekomme, welche mir Angst und Betrübnis verursachenwird; also sehe ich weder in jetzigen, noch zukünftigen Zeitengar nichts Angenehmes vor mich. Mit hiesiger Luft und Ver-drießlichkeit, ohne Exerzitien zu thun, wo ich so sehr an gewöhnt,ist es nicht sicher, daß ich die 9 Jahr leben werde, so meinSohn zu regieren hat: aber das Leben ist nur angenehm, wennman es mit Vergnügen und Ruhe zubringen kann. Wozu istes sonst nutz, als nur um Qual zu geben? Also seid versichert,liebe Louise, daß, wenn das Stündlein kommt, das unser Herr-gott mir vorsehen hat, werde ich diese Welt ohne einig Regretverlassen. Die Könige hier im Land geben ihr Leben nichts ankeinem Menschen in der Welt in ihren Testamenten, es ist nicht