Voltaire (1694—1778).
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dem Leben dieser Männer. Bei Voltaire z. B. bleibt man oft vollErstaunen stehen, sieht man auf der einen Seite seinen Stolz undsein Selbstgefühl, auf der andern seine kriechende Unterwürfigkeit,gewahrt man hier Ausbrüche eines himmelstürmenden Uebermuthesund dort Beweise einer erschrecklichen Servilität — das hing andem socialen Widerspruch in der Stellung dieser Männer; theilswaren sie Halbgötter der Salons, theils literarische Proletarier inder bürgerlichen Gesellschaft, ihre persönliche Stellung war schief,und das wirkte auf ihre Leistungen zurück, ihrem eigentlichenZwecke entsprachen sie nicht und doch war ihre Wirkung zu mächtigin der gebildeten Welt.*)
Voltaire (1694—1778).
Voltaire wuchs auf in einer Zeit, da es mit Ludwig XIV.und seiner Macht auf die Neige ging und gleichzeitig in der Lite-ratur ein Umschwung sich vorbereitete. Molwre, Corneille, Racinewaren todt, Boileau lebte nur noch wenige Jahre, die Größen derköniglichen Literatur des 17. Jahrhunderts waren theils verstorben,theils verstummt und vereinsamt; wie Staat und Kirche von demVorgefühl innerer Auflösung ergriffen waren, warf auch das gei-stige Leben die steife Strenge der akademischen Richtung des 17.Jahrh, ab, fing auch die Literatur an, sich loser, ungebundener zugeberden, in der Form den Zwang abzustreifen und im InhaltOpposition zu machen, sei es auch zunächst nur durch versteckte,verstohlene Hiebe auf das herrschende System. Zu allem Andern,was den Verfall Ludwigs XIV. ankündigt, stellte sich auch der An-fang einer leisen literarischen Auflehnung ein. Spottgedichte auffliegenden Blättern gingen zunächst als Manuskripte von Handzu Hand, wurden im Stillen mit Leidenschaft verschlungen und stattder wohlfeilen Witze über den greisen Boileau traten die bissigenAusfälle auf Person und System des Monarchen als gesuchtesteGattung auf. Diese Kreise empörten sich zugleich gegen die offi-cielle Frömmelei am Hofe Ludwigs; wie dieser selbst keinerlei wahr-
*) Für das Folgende vgl. Arnd: Geschichte der franz. NationalliteraturI. II. u. Hettner: Literaturgesch. des 18. Jahrh. I. II.
Ilatin: Instoire pol. st lit^rarrs äs 1a kresse en Kranes. 1860. I—IV.
Hlemorres äu. caräival kaeea. I>aris 1860. Bd. 1—3.