36
Einleitung, tz. 2.
Die persischen Briefe blieben Montesquieu's einziger Versuchauf diesem, seinem Gemüthe ganz fremden, Felde.
Er war mittlerweile Parlamentsrath geworden, bewährte inseinem Amt einen fleckenlosen Charakter und gab in seinem Pri-vatleben ein damals seltenes Beispiel der liebenswürdigsten Gei-stesgesundheit und Gemüthsfrische. Aber ihm fehlte der Glaubean den Beruf der Parlamentshöfe; bereits in seinen persischenBriefen erscheinen sie ihm wie Ruinen, 1726 legte er sein Amtnieder und 1728 ging er auf Reisen, um seinen geschichtlichenund juristischen Studien die allein richtige Vervollständigung zugeben. Er reiste viele Jahre lang durch einen großen Theil Eu-ropas, sah Italien, die Schweiz, Holland, England, Ungarn, nichtwie ein Tourist, sondern wie ein Forscher, der die Welt aus demLeben und die Geschichte aus der Gegenwart kennen lernen will.Bis auf Mirabeau hat es denn auch im 18. Jahrhundert keinenFranzosen gegeben, der die staatlichen Zustände, die Gesetzgebungenund Verfassungen der europäischen Länder so genau gekannt hätte,als Montesquieu.
Die erste Frucht seiner durch die Reisen ergänzten Studien wareine Schrift, die bei geringem Umfang gleichwohl als eines der litera-rischen Meisterstücke des Jahrhunderts, von Manchen als sein vollendet-stes Werk betrachtet worden ist, „die Betrachtungen über die Ursa-chen der Größe und des Verfalls der Römer" 1734.
Seit Macchiavelli war das wieder der erste Versuch, einenStoff, der sonst nur in den Händen der Philologen war unddenen als antiquarisches Material zur Erklärung der Classikerdiente, zum Gegenstand einer historisch-politischen Betrachtung zumachen. Kurz ist die Geschichte der Größe, viel ausführlicher istdie Geschichte des Verfalls behandelt und hier sind weniger dieRömer als die Franzosen gemeint. Alle Stellen, wo die Ber-derbniß der Römer geschildert wird, lassen sich ebensogut auf dieFranzosen anwenden und bei der Charakteristik des Despotismusder Kaiserzeit denkt man weniger an das erste als an das >8.Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Das Buch ist ein po-litisches Programm: aus dem Kreise des alten Beamtenadelsspricht ein hervorragender Vertreter die Ueberzeugung aus, diealte Staatsordnung ist verderbt und wird untergehen, sie hat ihrenZenith überstiegen und eilt abwärts.