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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Montesquieu »1689-1755».

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Montesquieu 1 16891755».

Montesquieu ist den Jahren nach etwas älter, der schrift-stellerischen Thätigkeit nach jünger als Voltaire, in dessen Ge-schmacksrichtung sein Erstlingswerk gehalten ist. Er gehörte demalten Parlamentsadel, der uoblvssv cko rolm, an; das war unterder sittlich und wirthschaftlich herabgekommenen Aristokratie derachtnngswcrtheste Theil: in den schwülsten Zeiten des Despotismusfinden sich Leute darunter, die Frankreich Ehre machen. Die Stu-dien Montesquieu's entsprachen den Ueberlieferungen seines Stan-des und dem Berns, auf den er sich vorbereiten sollte; es warennicht rie flüchtigen Lcsereien eines Dilettanten wie Voltaire, son-dern die gründliche, gediegene Schulung eines gelehrten Richtersund von der landläufigen Fachbildung eines Rechtsgelehrten jenerZeit wieder dadurch unterschieden, daß er nicht kleben blieb andem Buchstaben des urkundlichen Rechts, sondern zum Geiste desRechtslcbens und zur Idee des gesummten Verfassungswesens auf-strebte.

Ernst und gehalten in seinem Wesen ist er fern von jenemGeiste frivoler, spöttischer Verneinung, wie er in Voltaire lag, erkennt nichts von der Leidenschaft, jede Autorität herunterzureißen,sondern steht mit der würdevollen Sicherheit eines reifen, gelehr-ten, weltkundigen Mannes den Verhältnissen feiner Zeit gegenüber.

Gleichwohl entsprach seine erste literarische Thätigkeit derRichtung Voltaires; >1721 erschien aus der Feder des 32jährigenMannes eine Schrift, die, ohne seinen Namen gedruckt, bald un-geheure Verbreitung fand: die I.ettre-j pvrsuuo«.

Der Perser llsbcck kommt in den letzten Tagen Ludwigs XIV.nach Paris und schildert im Tone eines Namrkindes die Ein-drücke, die er da empfangen. Geist und Art dieser Schilderungmachten das größte Aufsehen. Man glaubte die Schrift sehr zuloben, wenn man sie Voltaire zuschrieb und an diesen erinnerteauch die leichte reizvolle Anmuth des Stils und die Schärfe desWitzes, allein die, bei allem Spielen mit dem Humor des Romans,tief einschneidende, oft wahrhaft vernichtende Kritik der französischenVerhältnisse in Staat und Kirche, Glauben und Leben, Vergan-genheit und Gegenwart, setzte besondere Kenntnisse und ein beson-deres Talent voraus, wie Voltaire es nicht besaß.

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