I, I. Rousseau j>712—1778>.
3S
den ist nichts leichter als eine bequeme Verzweiflung — aber eskann auch ein Andres sein, die entschiedne Ueberzeugung, daß Nichtsmehr helfen werde, und daß ein Ende mit Schrecken besser sei alsein Schrecken ohne Ende. Diese Stimmung war in Frankreichweiter verbreitet, als Voltaire, Montesquieu und ihre Leser ahntenund der Sprecher dieser Stimmung war I. I. Rousseau, dergerave hierzu wie geboren war.
I. Z. Rousseau (17i2—1778)
ist nicht in dem Sinne Franzose wie es Voltaire ist; er hat Züge,die nicht an den französischen Nationalcharakter erinnern, die tiefeSchwermuth, der schwärmerische fanatische Hang gemahnen mehran die Stadt Calvins, das alte Genf, aus dem er hervorgewachsenwar. Selbst seine Art zu schreiben entfernte sich weit von demherrschenden Geschmack, sie war durchaus eigenthümlich und ur-sprünglich und machte eben darum einen unvergleichlichen Eindruckauf Frankreich und einen großen Theil Europas. Rousseau ward ge-boren, als Voltaire bereits seine ersten Verse dichtete und wuchs aus,nicht als das gehätschelte Schoßkind vornehmer Kreise der Residenz,sondern als der Sohn eines kleinen Genfer Handwerkers in engenund beschränkten Verhältnissen. Früh verlor er die Mutter undder Vater verzärtelte den talentvollen Knaben; gewiß war der Eifergut gemeint, in dem er den sechs- bis siebenjährigen Jungen mitLektüre aller Art überfütterte, aber planlos wie er verfuhr, ver-säumte er darüber, was die Hauptsache ist in jeder Erziehung, dieGewöhnung an Anstrengung und ernsthafte, zusammenhängendeArbeit. Rousseau's Umgebungen wiesen auf eine Zukunft unterArmuth und Entbehrung, seine Erziehung aber legte einen unheil-vollen Widerspruch in sein Inneres, lehrte ihn Bedürfnisse kennen,die diesem Kreise sonst ewig fremd bleiben, und Nichts von allemdem, was einem Jüngling in seiner Lage gerade am unentbehr-lichsten war. In seinen „Bekenntnissen" hat er ein Bild seinerJngendcntwicklung niedergelegt, das schwerlich geschmeichelt ist; dieWirkung der Lektüre auf seine Individualität schildert er mit denWorten: „daraus ging jener frei gesinnte republikanische Geist,jener unbeugsame, unzähmbar stolze Charakter hervor, der die Dualmeines Lebens geworden ist und mich gerade da am häufigsten