I. I. Rousseau <1712- 1778».
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der Bildung angefressen, der Anstand unversehrten Mucks gewesen sein?
Er schrieb seine Antwort, so wie man etwas schreibt, wasEinen lange wie eine Lebensaufgabe beschäftigt hat. „Ich weihteihr, sagt er, schlaflose Nächte. Ich sann auf meinem Lager mitgeschlossenen Augen der Frage nach und warf unter unsäglicherQual meine Perioden im Kopfe hin und her." In erstaunlichkurzer Zeit war die Schrift fertig und die Arbeit, die der Gesit-tung ihr Verdikt aussprach und der Barbarei den Preis er-theilte, wurde gekrönt von der Akademie. Die Herren von deralten Cultur stimmten ein in das Berdammungsurtheil, dassie selber traf, ihr letzter Glaube, der an ihre eigne Gottähnlich-keit, war also dahin. Voltaire fand das nicht nach seinem Ge-schmack, ihm kam das vor, „als ob man auf allen Vieren kriechenwollte."
Die Schrift hatte die Borzüge wie die Schwächen aller seinerSchriften, dasselbe Feuer in der Sprache, dieselbe Gewohnheit, dieEinwendungen des Verstandes durch steten Appell an das Gefühlzu entwaffnen, dieselbe gewandte dreiste Dialektik, die mit einemunbewiesenen Vordersatz beginnt und nun mit unwiderstehlicherEonsequenz den Leser gefangen nimmt. Wer die Vordersätze nichtprüft, ist vor dieser Dialektik verloren.
So ist hier die willkürliche Voraussetzung, von der die ganzeBeweisführung ausgeht, die: mit dem Urzustand culturloser Einfaltist die Menschheit um ihr Glück gekommen, streift man von demMenschen nur die Cultur ab, so hat man ihn von allen Lasternund sittlichen Krankheiten geheilt. Rousseau sprach den geheimstenGedanken einer überbildeten Gesellschaft aus; der Ueberdruß andem öden schöngeistigen Treiben und dem leidigen Salonlebenbrachte den Durst nach ungebrochener Natürlichkeit, das Ver-langen nach einer gesunden Barbarei hervor; ist der Gaumenmit Leckerbissen übersättigt, so fängt man wieder mit trocknemBrode an.
Rousseau schrieb nicht mit jener sauberen Glätte, nicht injenem vornehm weltmännischen Stil, den sich die ersten GeisterFrankreichs angeeignet hatten, sondern bewegt, stürmisch, leiden-schaftlich wie ein Volkstribun spricht; die ganze Reihe seiner Sätzein ihrem Bau und in ihrer Häufung ist nichts weniger als reget-