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Einleitung. tz. 2.
mäßig und korrekt, aber es ist die Macht einer Beredsamkeit darin,die die Phantasie mit Bildern und Vergleichen förmlich überschüttet,die ganze Gefühlswelt des Lesers aufwühlt, eine Beredsamkeit wiesie niemals ein französischer Schriftsteller so wieder gehandhabt hat.Und gab er nun nicht wirklich Etwas, was jeden edleren Menschenmehr ergreifen mußte als Voltaire's Schriftstellerei ? Hielt er sichnicht fern von jedem Hohn und Spott, sprach er nicht wie einscharfer Sittenrichter und schien er nicht etwas Positives zu geben,wo seine Vorgänger nur kalte Verneinung gehabt? Das zeigtsich zumal in seiner Stellung zur Religion. Rousseau war nichtspöttelnder Deist und nicht frostiger Leugner. Er hatte, was Mutden „Deismus der natürlichen Religion" nannte. Die Offenba-rung war für ihn nicht Gesetz, aber er griff sie auch nicht an, dieewigen religiösen Vorstellungen, die sich fortpflanzen in der Men-schenbrnst von Geschlecht zu Geschlecht, schonte er nicht bloß, son-dern er gab ihnen auch mehr Recht, als je ein aufgeklärter Fran-zose bisher gethan. Er predigt eine Art sittlicher Ratnrreligion,die dort großen Anklang fand, wo man sich mit der herrschendenKirche überwarfen Hatte und doch von Voltaire sich abgestoßenfühlte; das war keine Gläubigkeit im Sinne des 10., aber auchkein Unglaube im Sinne des 18. Jahrh., es war die schwer zubezeichnende mittlere religiöse Stimmung der Mehrzahl seinerLandsleute, der er begeisterten Ausdruck lieh.
Hier wie in seinem ganzen Wesen erschien er als ein Manndes Volks, seiner edlen wie seiner gefährlichen Empfindungen.
Mit dem Erfolge seiner ersten Schrift war Rousseau überseinen Beruf entschieden. Es folgte die Abhandlung über die Un-gleichheit der Menschen, die gleichfalls gekrönte Antwort auf einezweite Preisfrage der Akademie von Dijon 1753. War dort dasVerderbniß der inneren Ungleichheit der Menschen aus den Fol-gen der Eivilisation erklärt, so machte er hier einen Schritt weiterund sagte: die Wurzel aller Ungleichheit ist das Eigenthum unddie Ungleichheit zum Gesetz erhoben ist die sogenannte bürgerlicheOrdnung. „Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und erklärte,das ist mein Eigenthum und Leute fand, die thöricht genug waren,ihm dies zu glauben, ist der wahre Stifter der bürgerlichen Ord-nung gewesen. Wieviel Verwüstungen und Kriege, wieviel Blut-vergießen und Elend wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben,