Ludwig XVI. und die fünfzehn Jahre der Experimente, 1774—>789. 51
beschleunigt haben. Sein fortwährendes Bestreben, sie hintanzuhalten, hat sie nur unvermeidlicher, sein Bemühen, ihr die Spitzeabzubrechen, nur furchtbarer gemacht. Allerdings ist die stumpf-sinnige Verstocktheit früherer Tage gewichen, man sperrt sich nichtmehr mit jenem Pharaonischen Hochmuth gegen Alles, was imSchooße der Nation vorgeht, ein guter Wille, wie man ihn niegekannt, ist vielfach sichtbar, aber die rechten Mittel zu wählen istman weder thatkräftig noch einsichtig genug.
Der neue König, der Enkel Ludwig's XV., war kaum 20 Jahrealt, als er am 10. Mai 1774 den Thron bestieg. Auch einer un-gewöhnlichen Kraft wäre es nicht leicht geworden, in dem Chaosaufzuräumen, das ihr mit der Krone vererbt wurde; die Regierungverrufen wie nie eine in Europa, der Staat am Rande desBankrotts, Recht und Sitte, Gesetz und Glaube in voller Auflösungbegriffen, eine wilde Gährung und ein unbegrenztes Mißtrauen inden Gemüthern, das war die Erbschaft, die Ludwig XVI. antrat.Seine Persönlichkeit war nicht organisirt, um solcher Massen Herrzu werden, eher war er neben manchen lobenswerthen Eigenschaf-ten dazu angelegt, die Wirren noch zu vermehren.
Ludwig war ein sehr mittelmäßiger Kopf und diese MittelMäßigkeit war nicht etwa durch eine sorgfältige energische Erziehungeinigermaßen aus dem Rohen herausgearbeitet worden, er hatteauch wenig gelernt. Denkt man freilich an den Hof Ludwig's XV.und die Einflüsse, die dort herrschten, so war es schon als beson-dere Gunst zu preisen, wenn der junge König wenigstens sittlichnicht verdorben war.
Im Denken ist er schlaff, langsam, unbeholfen; schwer ist es,ihm Etwas einleuchtend zu machen, und ist das geschehen, dannbesitzt er nicht die Kraft des Willens, danach zu handeln: nachjeder Anstrengung des Geistes sinkt er in sich zurück, die Rath-schläge der Minister, seine eigenen Ordonnanzen vergißt er aufder Jagd oder bei der Schlosserei, er ist wie ein Mann von wenigWissen und Interesse an großen allgemeinen Dingen, den seineNeigungen stets zu nicktigen Liebhabereien herabziehen, weil allesAndere ihn immer nur flüchtig von Außen berührt, ihm aber in-nerlich ganz fremd bleibt. Seine Gesinnung war voll Wohlwollen,sein sittlicher Wandel ohne Makel, aber ernsthafte Arbeit, an-strengende Geschäfte kannte er nicht, er war träge, aber nicht aus