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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Einleitung, tz. 4.

von großem staatsmännischen Blick. Er war viel mehr Denkernnd Theoretiker, als ein Mann der That, durchaus nicht gemachtzur Agitation auf den Gassen und nicht frei von einer gewissenFurchtsamkeit für seine eigne Person, dabei aber von sehr glücklichemInstinkt. Auf die Frage, was er während der Schreckenszeit ge-than habe, antwortete er Pni voeu; das konnten allerdings nichtViele von sich sagen. In dem genialen jungen Soldaten, Bona-parte, hoffte er anfangs einen Vertreter seiner Verfassungsideenzu finden, aber bald fand er, daß er sich in ihm geirrt, wie dennauch dieser siä> den Theoretiker zuerst anders vorgestellt hatte. Beider Rückkehr der Bourbons war er als nicht sicher in

Frankreich, flüchtete sich in eine deutsche Gegend an der französi-schen Grenze und hat dort noch in meiner Jugend gelebt. Als erstarb, war er ganz verschollen. An allen Verfassungen von >789bis 1799 hat er mitgearbeitet, alle tragen Züge von seiner Indi-vidualität an sich nnd zeugen von jener Routine der Formulirung,die ihm auch seine Gegner lassen mußten, mochten sie sonst vonihm denken, was sie wollten.

Im Januar 1789 war jene Flugschrift über den dritten Standerschienen. Ihr Inhalt läßt sich in wenig Worten wiedergeben. Erstellt und beantwortet drei Fragen.

Was ist der dritte Stand? Alles.

Was hat er bisher im Staat bedeutet? Nichts.

Was will er? Etwas sein (etrs oiiose).

Diese Schlußfolgerung beweist er u. A. mit einigen Ziffern:der erste Stand, die Geistlichkeit, zählt 80,000, der zweite, derAdel, zählt 120,000 Köpfe, der dritte aber 25 Millionen, d. h. erist die 'Nation selber, und aus diesen Annahmen schließt er dreiBegehren: 1) daß dieser Stand nur durch seine eignen Angehöri-gen vertreten werden könne, 2) daß er doppelt so viele Vertreterbeanspruchen dürfe, als jeder der beiden andern, 3) daß nicht nachStänden, sondern nach Köpfen abgestimmt werde.

Die Wahlen zu den Reichsständen gingen bewegt, leidenschaft-lich und geräuschvoll vor sich, doch unter verhältnißmäßig geringenStörungen der Ordnung. Wenn man bedenkt, daß dies Volk seitJahrhunderten unter den unwürdigsten Despotismus geknechtetwar und nun mit einem Male wählen sollte auf Grundlage einesnach jenen Zeitbegriffen sehr freisinnigen Wahlgesetzes, und zwar