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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Necker und die Reichsstände.

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überließ er dein Federkrieg der freien Presse, die sich mit unglaub-licher Rührigkeit und steigender Leidenschaft darüber hcrwarf, über-ließ er dem Kampfe der Stände in den einzelnen Provinzen, dermehrfach einen höchst erbitterten Charakter annahm.

Eine Muth von Broschüren erschien, Jeder nahm sich dasRecht, laut und entschieden mitzureden, nur die Regierung ver-zichtete darauf; mit einer gewissen Schadenfreude sah Necker zu,wie die freisinnige Presse kühner und immer kühner seinen eignenGegnern, den Privilegirten, zu Leibe ging und versäumte darüber inerhabener Objektivität die letzte Gelegenheit, von der Initiative,welche der Regierung naturgemäß zustand, auch nur in der PresseGebrauch zu machen.

Unter den 23000 Flugschriften, welche aus Anlaß dieserFrage erschienen sind, hat eine bleibende geschichtliche Bedeutungdie Flugschrift vom Abbe- Sieh es: (chiüst-ao qua Is tisrs etnt?Sie hat das Verdienst, den Gedanken, der die Masse der Nationbewegte, mit unübertroffener Schärfe und Bestimmtheit ausge-sprochen zu haben und den Triumph erlebt, daß zu dem Pro-gramme, welches sie von Anfang an aufgestellt, am Ende Regie-rung und Stände sich bequemen mußten. Und der Verfasser warkeiner jener dunkeln Pamphletisten, die wohl ein Mal einen glück-lichen Griff zu thun, ein passendes Wort zu sagen wissen, umdann für immer zu verschwinden, sondern ein hervorragender Kopf,der sich durch ganz eigenthümliche Talente in der großen Bewe-gung jener Tage eine ausgezeichnete Stelle erworben und behauptethat. Seinem Stande nach Geistlicher, hatte er seinen Studien früheine politische Richtung gegeben, war einer der eifrigsten Anhängerder freisinnigen politischen Schule des Jahrhunderts geworden,hatte sich in der Geschichte und Beschaffenheit der europäischenVerfassungen ausgebreitete Kenntnisse erworben, die geeignet wa-ren, ihm neben Montesquieu und Mirabean einen ehrenvollenRang zu sichern und glänzte dabei durch äußerst gewandte Dialektik,durch meisterhaftes Geschick in der Anlage und Gruppirung poli-tischer Gedanken und eine eminente Sicherheit in Formulirungepigrammatischer Sätze. Die Natur hatte ihm die Gaben einesimposanten Volksredners versagt, in der Versammlung hörte mangewöhnlich nur einige leise schüchterne Worte von ihm, aber stetszeugten sie von tiefem scharfem Denken, wenn auch nicht immer