Graf Mirabeau's Vergangenheit. 97
einigt sich Sophie mit ihm (August 1776) und beide fliehen nachAmsterdam.
Mirabeau hatte sein Ehrenwort und seine Ehe gebrochen, dieFrau eines Andern erst verführt, dann entführt — er war eindoppelter und dreifacher Verbrecher, den sein Vater vor jedemGerichtshof konnte verurtheilen lassen.
Es folgt nun eine kurze Episode in seinem Leben, die trotzder schauderhaften Verkettung der Umstände für ihn eine ArtRuhepunkt war. Auf die Flüchtlingszeit, die er mit seiner Ent-führten in Amsterdam in mühseligstem literarischen Tagelohn verlebte,hat er in seinen stolzesten Tagen mit Behagen und stillem Tri-umph zurückgeblickt. Die erste Arbeit, an dek er sich versucht hatte,war der bereits zu Manosque begonnene IÜ88ui sur Is ckospotisme.Der Despotismus in Hans und Staat hatte ihm seine Jugend undseine ersten Mannesjahre vergiftet und neben der Bitterkeitüber die Härte seines Vaters tritt auch aus seinen Briefen stetsder tiefere politische Gedanke hervor, wie dies sein persönlichesElend aus dem Elend des gesammten staatlichen und häuslichenLebens seiner Zeit fließt, er fragt fort und fort: was ist das fürein Staat, in dem so Etwas möglich ist und ertragen werdenmuß? Ich habe nichts begangen, was ein Gericht straffällig hättefinden können, und doch bin ich durch alle StaatsgefäuguisseFrankreichs geschleppt worden, ich habe keine Gnade, sondern Rechtgesucht und es nirgend finden können. Das gibt dieser Schriftihren Schwung, ihre Energie; es ließ sich über den DespotismusTieferes und Philosophischeres sagen, aber Feurigeres, Leidenschaft-licheres nicht. Es war ein Stück eigenen schrecklichen Lebens darin,gerade wie in der Schrift über die Staatsgefäuguisse und dieVerhaftsbefchle, ein Fach, in dem er Autorität war. Keine Pam-phlete haben so furchtbar gewirkt, wie diese Schriften; das warennicht kühle Schwärmereien eines Menschenfreundes, sondern dasleibhaftige Leben selber, noch heute wird man aufs Tiefste davonerschüttert, weil mau alle Vergehen und Verbrechen des Einzelnenvergessen muß gegenüber dem großen Verbrechen einer solchenStaatsordnung.
Das literarische Stillleben zu Amsterdam, das bei der ange-strengtesten Schriftstellerei für das flüchtige Paar nur einen dürf-tigen Ertrag, fiir den Namen Mirabeau's aber fast gar Nichts
Häusser, französische Revolution. 7