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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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Erster Abschnitt. 5.

Die Regierung wußte es nicht und hatte sich auch niemalsernstliche Gedanken darüber gemacht.

Was in einem Staate fest sein muß, Recht und Sitte, Glaubeund Gesetz, Alles war hier bis in seine Grundfesten erschüttert,die öffentliche Gewalt fast zertrümmert, ihr letzter Versuch war dieBerufung dieser Versammlung gewesen, die Alles enthielt, wasFrankreich an Talent, an hervorragenden Namen und Familienbesaß und der gegenüber befand sich eine Regierung, die mit ver-schränkten Armen den Dingen zusah, ohne irgend eine ernste Sorgeund ohne Ueberlegung. Sie bewilligt die doppelte Vertretung desdritten Standes und trifft keinerlei Anordnung, wie und worübernun die 11—1200 Köpfe mit einander berathen sollen; sie denkt,mögen die Herren zusehen, wie sie selber mit einander fertigwerden.

Mirabean meint, mit dieser Versammlung hätte die Regie-rung, wenn sie geschickt verfuhr, Alles anfangen können. Jeden-falls war es des Versuches wohl werth, von Seiten der Regierungirgend etwas Bestimmtes zu bringen, den Ton, das Thema an-zugeben. Dann hatte sie eine unermeßliche Macht gegenüber dreiKörperschaften, die sich feindlich gegenüberstanden, von denen dienachher mächtigste bis jetzt noch nicht einmal ihre eigenen Führerkannte, so daß selbst ein Mirabean mit fast noch größerem Miß-trauen zu kämpfen hatte als die Regierung.

Aber Nichts der Art war vorbereitet.

Am 4. Mai wurde die Versammlung mit einer kirchlichenFeier eröffnet. Da war man aufmerksam gewesen, all die altenwunderlichen Etikettenformeln aus der Rumpelkammer hervorzu^holen, da fehlten nicht die goldbrokatnen Röcke und Federhüte desAdels, die Prachtgewänder der Geistlichkeit und die schlichten schwar-zen Mäntelchen der Gemeinen — der Hofmarschall und Ceremonien-meister hatte mehr bei der Sache gethan als die ganze Regierung.

Die Eröffnung fand unter bedeutsamen Umständen statt. DerBischof von Nancy leitete die Feierlichkeit durch eine Festrede ein.Das war keine Predigt, sondern eine Volksrede, die überfloß vonSchlagwörtern wie Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und beijeder anzüglichen Stelle eifrigst beklatscht wurde. Als der feierlicheZug sich nach dem Schlosse- bewegte, wurde der König von denMassen mit einem Lebehoch empfangen, die Königin fast stumm»