Buch 
Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
Entstehung
Seite
131
JPEG-Download
 

Eröffnung der Reichsständc.

131

der Herzog von Orleans, weil er mit dem Hofe überwerfen war,mit Jubel, selbst Mirabeau erhielt von dem Volk die erste'Be-grüßung.

Die Eröffnungsreden am 5. Mai wurden vom König, vomGroßsiegelbewahrer und vom Finanzminister gehalten; sie enthiel-ten das Geständniß der völligen Rath- und Hilflosigkeit der Re-gierung und gaben den selbständigen Köpfen der Versammlung denMuth, das Steuer in die Hand zu nehmen.

Die Rede des Königs war voll Wohlwollen, aber ohne poli-tischen Inhalt; sie hatte überhaupt wenig Beziehung auf die Lageder öffentlichen Verhältnisse, das Einzige, was hierüber gesagtwurde, war das Bekenntniß, „die Staatsschuld, schon ungeheuer beiseinem Regierungsantritt, sei noch gewachsen durch den kostspieligen,aber ehrenvollen Krieg in Amerika, davon sei Erhöhung der Steuerndie Folge gewesen und diese habe deren ungleiche Vertheilung nochfühlbarer gemacht." Dazu kam eine zweimalige Erwähnung desherrschenden Geisteszustandes: „Eine allgemeine Unruhe, ein über-reiztes Verlangen nach Neuerungen hat sich der Gemüther bemäch-tigt und wäre im Stande, schließlich die öffentliche Meinung ganzzu verwirren, wenn man sich nicht beeilte, ihnen durch eine Ver-einigung weiser und gemäßigter Rathschläge einen Halt zu geben,"und dann: „die Geister sind in Wallung; aber eine Versammlungvon Vertretern der Nation wird ohne Zweifel nur die Stimmeder Weisheit und der Klugheit hören."

Also weder ein Befehl, noch ein Rath aus königlichem Munde,es war ein: voxns In xnlöre! Man überließ das Schiff denWellen und dem Sturm.

Nun kam der Siegelbewahrer Barentin mit einer langenschwülstigen Rede, von der, wie der Moniteur beifügt, ein großerTheil wegen der schwachen Stimme des Sprechers für die Zuhörerverloren ging. Der Minister begann mit pomphaften Phrasenauf Ludwigs XVI. Regierung, pries dann die Nothwendigkeit, imVerein mit dem Volke zu regieren, und der Hauptfrage, ob diedrei Stände mit oder ohne einander berathen und abstimmen soll-ten, war nur beiläufig in den Worten gedacht: „Der König habedie alte Form der Berathung, d. h. nach Ständen, nicht ver-ändert, und obwohl es wünschenswerther scheine, nach Köpfen zuberathen, weil das den Vortheil gewähre, daß man den allgemei-

9 *