Buch 
Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
Entstehung
Seite
249
JPEG-Download
 

Fragment: Preußen und Polen 1791 — 1792. 249

besteige. Aber daneben wünscht man entschieden den Abschluß; esspricht sich z. B. (Minist. Note vom 6. Juni) die Besorgniß aus:es könne durch das Zögern des sächsischen Kurfürsten die russischePartei an Boden gewinnen.

Ueber die Stellung Rußlands war gleich Anfangs wederin Berlin noch in Warschau ein Zweifel; daß sie nur feindseligsein könne, galt hier wie dort als ausgemacht. Drum klopfen diePolen an, ob nicht Preußen geneigt sei, aktiv für die neue Ord-nung der Dinge einzutreten; an Goltz (Depesche vom 13. August)kam förmlich der Antrag, ob nicht Preußen dem Reichstag förm-lich die Erklärung geben wolle, daß es bei jedem Anlaß und zujeder Zeit Partei nehmen wolle für die neue Verfassung. So weitwill man in Berlin doch nicht gehen (Note vom 22. August),glaubt aber, daß das Vorangegangene genüge.

Ueber Rußlands Feindseligkeit wuchs die Gewißheit mit jedemTage; an Preußen und Oesterreich erhob man in Warschau nichtnur den Anspruch, sondern man sprach mit einer gewissen Zuver-sicht die Hoffnung aus, daß beide für die polnische Sache ein-treten würden. Man wiegte sich in einer gewissen rosigen Stim-mung, in die erst (Oktober) durch die ablehnende Antwort dessächsischen Kurfürsten ein Mißklang fiel.

Die Zumuthung an Preußen, die sich in Warschau wiedurch den Gesandten in Wien kundgab, wurde dort allmälig lästig;das Compliment an den Kurfürsten von Sachsen (Minist. Note28. Nov.) könne man doch nicht als eine Garantie der neuenpolnischen Verfassung auslegen: „es ist ein großer Unterschiedzwischen einem einfachen Zeichen der Höflichkeit und Theilnahmeund einer Verpflichtung, wie man sie uns aufbürden möchte undwie wir sie niemals im Sinne gehabt haben einzugehen."

Damit erklärte sich das Wiener Cabinet in noch schärfererAusdrucksweise einverstanden. „Ich überzeuge mich immer mehr,äußerte Kaunitz (Jacobi d. d. 23. Nov.), daß den Polen gegenüber,deren Leichtfertigkeit, Jnconsequenz und Unzuverlässigkeit sich sooft kundgegeben hat, das Beste ist, sie ihrem Schicksale zu über-lassen und ihnen anheim zu stellen, wie sie diesen Handel ent-wirren wollen." Der österreichische Premier sah in der Zumuthungeiner Garantie um Hilfe ein unverschämtes Begehren — nachdemdie Polen die Sache selbst angefangen und nachher so manches