Die Kriegserklärung und der Einfall in Belgien. 299
vorhergingt, daß unsere Generäle, lauter treffliche Lakaien desHofes, die Nation verrathen, daß sie die Grenzen preisgeben wür-den. Meine Hoffnung ist, daß die Armee die Augen anfthun undeinsehen wird: ihre erste Aufgabe müsse sein, ihre Generäle inStücke zu hauen."
' Wenn das richtig war, was die jakobinische Presse tausendMal verkündigt, daß die französische Grenze von feindlichen Bahon-netten starre, wie leicht wäre es dann gewesen, über die jetzt offeneGrenze hereinzubrechen und diese Armee, die noch keiner österrei-chischen Schwadron Stand gehalten, über den Haufen zu werfen.Aber man war auch auswärts mit den Rüstungen zurück und soging dieses erste Unwetter, das für die Franzosen leicht verhäng-nißvoll werden konnte, ohne weitergreifende Folgen vorüber.
Es blieb bei einer thatsächlichen Waffenruhe. Als aber dieKriegsgefahr von Neuem kam, ward die Lage wieder kritisch genug.Ein neues Heer war noch immer nicht da und Frankreich wurdenicht durch seine militärische Organisation, die erst von 1793 datirt,und nicht durch Enthusiasmus, der gründlich zerstört war, sonderndurch die köpf- und gewissenlose Politik der ersten Coalition ge-rettet.
Es dauert jetzt fast drei Monate, bis die auswärtigen Mächteim Stande sind, sich mit ihren Truppen den Grenzen Frankreichszu nähern, und in dem Augenblick, da die Verbündeten die erstenFestungen Frankreichs berühren, ist der Thron Ludwigs XVI. um-gestürzt. Was in der dazwischenliegenden Frist in Frankreich ge-schieht, ist deßhalb wesentlich unabhängig von den äußeren Dingen.Das Andrängen des Feindes hat die Katastrophe höchstens beschleu-nigt, aber nicht geschaffen, denn unvermeidlich war sie von Anfangan. Der König mußte fallen, wenn er sich nicht willenlos demStrom hingeben wollte, der jetzt Frankreich anfing zu übersluthen.
Die Schuld lag hier auf beiden Seiten. Die Anhänglichkeitan die Verfassung, die man stets im Munde führte, war im Schloßso groß als in der Versammlung. Jeder Theil betrachtete ihreAuslegung als die Frage seiner Herrschaft und konnte eine Formnicht lieben, die seine Herrschaft eben immer noch fraglich undbestreitbar ließ.