496
Sechster Abschnitt. §. 28. 29.
Frage, ob das Einer vermocht hätte, aber der Eine, dem man eszutraute, hat es nicht gewollt.
Die furchtbare Zerstörung der letzten Jahre hatte alle Werk-zeuge und Kraftmittel des alten Regime zertrümmert; man konnteeinen Adel und Clerus in alter Weise nicht mehr herstellen, diealten Stände und Corporationen nicht mehr pflanzen auf dem Bo-den, wo die blutige Pflugschar so unbarmherzig gehaust hatte wiehier. Der ehrliche Verzicht auf alle Gelüste solcher Restaurationwar die erste Bedingung jedes Neubaues. Das war der Lebens-irrthum der Bourbonen, die in ihrer Charte verhältnißmäßig mehrFreiheit gegeben hatten, als irgend eine Regierung vor ihnen, aberdaran sich nicht gewöhnen konnten, daß die alte Ordnung auchnicht in Zeichen, Bildern und Erinnerungen irgend welcher Art derNation wieder vorgestellt werden dürfe. Jede solche Reminiscenz riefden Rachegeist des Volks wach und manche Regierung ist daranzu Grunde gegangen, die gleichwohl nicht tyrannisch gewaltet hat.Es bestand eben ein neues Volk, in dessen Jugendjahre die entsetz-liche Zerstörung alles Alten, der unrühmliche Sturz der altenMonarchie fiel. Wer das erlebt, der konnte nicht mehr zu könig-lichem Sinn erzogen werden. Man konnte mit jedem Stromeschwimmen, charakterlose Wandelbarkeit war genug da, aber inehrlicher Empfindung auch nur den Erinnerungen der alten Zu-stände wieder nahe stehen, das konnte Keiner.
Es war jetzt zwar keine Freiheit, wohl aber eine gesellschaft-liche Gleichheit da, wie sonst nirgend in der Welt. Was dieseirgendwie gestört hätte, war zerschlagen. Wie eitel auch dies Volkin allen Schichten sein mochte, die alte Art ständischer Gliederung,aristokratischer Unterscheidung, wie sie im alten Frankreich nichtbloß die höheren, sondern alle Kreise gekennzeichnet, war todt fürimmer. Der Gedanke, daß Jeder Zutritt habe zu Allem, daß jederSoldat den Marschallstab in seinem Tornister trage, wie Bona-parte später sagte, war durchgeführt selbst auf Kosten der Freiheit.Aber es war die Frage, was diesem Volke mehr entsprach, ob esseinem Wesen nach mehr zur Gleichheit oder zur Freiheit neige,ob es nicht auf diese verzichte, wenn jene auch nur in der Gleich-heit des Gehorsams unter einem Despoten bestand, der dafür alleKraft der Nation zum Schrecken Europas in seiner Hand ver-einigte? Vielleicht war, was der Schrecken hier hervorgebracht,