Band 
Erster Band.
Seite
230
JPEG-Download
 

230

In den Gängen des Parks sah man in hellen Herbstnächtendie hohe Gestalt und die weiße Mütze des Kanzlers aus demSchatten der Büsche in den Mondschein heraustreten und lang-sam weiter wandeln. Ueber was sann er nach, der schlafloseMann? Welche Gedanken wälzte er in seinem Haupte, dereinsame Wanderer? Welche Pläne keimten oder reisten ihm instiller Mitternachtsstunde? — Minder andächtig stimmte einandrer Freund des Parkes, der ewig junge Musensänger Abekemwenn man ihn des Abends mit wenig melodischer StimmeStrophen griechischer Tragiker oder Wandrers Nachtlied recitirenhorte, und säst komisch nahm sichs aus, wenn der alle Jüng-ling des Morgens unter den dürren Blättern am Bodenempfindsam nach Veilchen für die Frau Geheime Legations-räthin in Berlin suchte. Doch ziemte sich's am Ende nicht,daß ich darüber inwendig lächelte; denn ich habe zu bekennen,daß ich, von ihm angesteckt, meiner Frau Doctorin endlich auchwelche schickte und Freude damit machte.

Wie man sieht, war nicht das gesammte mobile AuswärtigeAmt im Hause der Madame Iesss einquartiert. Lothar Bücherhatte eine stattliche Wohnung auf der Avenue de Paris bezogen,Keudell und die Chiffreurs waren in Häusern untergebracht, dieetwas weiter oben als das unsere auf der Rue de Provencestehen, Gras Hatzfeld dem letzteren schräg gegenüber. Mehrmalswar übrigens davon die Rede, den Kanzler umzuquartieren undihm ein geräumigeres und eleganter ausgestattetes Haus zurVerfügung zu stellen. Indessen unterblieb die Sache, vielleicht,weil er selbst das Bedürfniß nach einer solchen Aenderungnicht stark empfand, vielleicht auch, weil er die Stille liebte, diein der verhältnißmäßig einsamen Rue de Provence herrschte.

Diese Stille und Ruhe war jedoch am Tage nicht so idyllischerArt, wie manche Zeitungscorrespondenten sie damals schilderten.