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Lose Blätter von Max Sulzberger.
1. Ein Legitimist von 1873.
Die Gespensterfurcht ist noch heute verbreiteter, als es sich viele Frei-geister zugestehen möchten. Einer meiner Freunde, ein Phrenolog, meintegestern, Wissenschaft und Aufklärung würden erst nach jahrhundertlangenKämpfen dahin gelangen, dieselbe ganz zu neutralisiren. „Es liegt imSchädelbau, in den Gehirnganglien", setzte er hinzu und verfiel damit insein Lieblingsthema.
„Wäre der Satz wirklich wissenschaftlich begründet", entgegnete ich, „soließe sich gar nichts Besseres thun als jene Gespensterfurcht zu benutzen undsie dem Fortschritt zinsbar zu machen . .
Mein gelehrter Freund sah mich verblüfft an und streckte schon dieHand nach meinem Schädel aus, als wolle er sich vergewissern, ob überNacht nicht eine Gehirnrevolution stattgefunden und neue Schädelformationenzum Vorschein gebracht hätte.
„Es ist mein voller Ernst. Die Sache ist einfacher, als Du glaubst."
„Du machst mich fast neugierig."
„Da Deiner Behauptung zufolge die Gespensterfurcht gewissermaßenorganisch in dem Gehirn taufender Menschen sich entwickelt, so handelt essich darum, ihre Furcht, statt persönlich, sachlich zu machen . . ."
„Ich höre, aber ich verstehe nicht."
„Nur Geduld. Schütte doch, Deiner Gewohnheit zufolge, indem DuDich von Deinen Gehirnganglien gängeln läßt, das Kind nicht mit demBade aus. Was beängstigt jene Leute? Phantastische Schreckgestalten, welcheihre krankhafte Einbildungskraft und ihr beschränktes Denkvermögen herauf-beschwören. Niemand hat je eine derselben erblickt. So zeige man ihnendenn dagegen die uralten, längst abgethanen Ideen, wie sie bei Hellem Tagein der Jetztzeit herumspuken. Iemehr sie dieselben fürchten, bekämpfen undbeschwören werden, desto besser. Ihre Gespensterfurcht findet hier nur zureichliche Gelegenheit, um keinen Augenblick die Hände in den Schooß zulegen. Wo man hinblickt ist ja die Luft gleichsam verdüstert durch den Spuk,besonders in Frankreich, das sich keuchend und ächzend dem Alpdrücke vonIdeen erwehrt, die . . ."
„Du bleibst eben der ewige Utopist; Deine Theorie klingt verführerischgenug, aber sage mir doch ein Mal, wie Du sie praktisch in's Werk setzenwillst? Bei Lichte besehen wäre ja Dein Versuch kein geringerer, als dieMasse vorgefaßter Meinungen und falscher Begriffe der großen Mehrzahldurch die Begriffe der Freiheit, des Rechts und der Gerechtigkeit zu ersetzen."
„Nun ja, Du hast Recht", rief ich ungeduldig, „Du hast mir wiederein Mal einen Gedanken abgejagt, ehe er flügge geworden und ihn auf immerflügellahm gemacht."
Mein Freund sah mich mit feinem mephistophelischen Lächeln an, woraus