Aus dem gegenwärtigen Frankreich. 305
ich deutlich herauslas: „Es bleiben Dir der Schrullen und der Illusionen nochgenug."'
Leider aber geht es mit letzteren ärger zur Neige, als ich es ihn ahnenlassen mochte. Mein so rasch am gesunden Menschenverstand meines Freundeszerschelltes Project verdankte sein Entstehen einem Zusammentreffen, dessenEindruck ich bis zur Stunde nicht überwunden.
Man trifft eben nicht jeden Tag mit einem Mann zusammen, der wieein Bürger von 1572 denkt, fühlt und spricht.
Und man glaube nicht, daß ich irgend einen von den Zeitideen unbe-rührten, mit seinen Standesvorurtheilen aufgewachsenen und verwachsenenJunker vor mir hatte. Nein, es war einer der Ritter des Geistes, einselbstgewordener Mensch, Künstler und Schriftsteller, dessen Name alsKunstkritiker ebensowol wie als Componist einen guten Klang in der Seine-stadt hat und dem keine Geistesströmung der Gegenwart fremd geblieben ist.Und doch war allein die Art und Weise, wie er unser Gespräch eröffnete,eine solche, daß mir das Erstaunen das Wort versagte, und erst, als er michbefremdet anblickte und eine Erwiederung erwartete, sagte ich:
„Ich muß Sie anschauen und immer wieder anschauen. Nicht geradedes Gehörten willen. Louis Veuillot hat dasselbe Thema hundert Mal undin noch drastischerer Form ausgeführt. Er treibt sein Handwerk noch un-verschämter, seitdem ihn Emile Augier zum Vorbild seines den Knotenstock vorder Gotteslade schwingenden Giboyer genommen. Aber seine Ideen inIhrer Sprache, von einem Mann Ihrer Stellung und mit solcher Ueber-zeugung zu hören, das macht mich sprachlos. Wie krank, wie todtkrank mußFrankreich sein, wenn Leute Ihres Schlages kein anderes Rettungsmittel fürihr Vaterland mehr planen als das, dem Rad der Geschichte in die Speichenzu fallen und es gewaltsam um drei Jahrhunderte zurückdrehen zu wollen..."
„Was thun Sie", fiel er in schneidendem Tone ein, „wenn Ihre Uhr,die Ihnen als Familienschatz werthvoll ist und die Sie um keinen Preisdurch eine andere ersetzen wollen, plötzlich vorläuft und die Stunden so raschabmacht als sonst die Minuten? Sie schicken sie nach Genf und lassen siewieder in Ordnung bringen. Nun, Frankreich muß wieder zur Ordnung,zur Moral, zur Religion zurückgeführt werden. Der Zeiger, der beständig aufdie Revolution weist, muß zurückgesetzt werden. Wie gewaltig, wie groß standFrankreich unter seinem angestammten legitimen Königthum da! Währendseine Armeen Europa Gesetze vorschrieben, unterwarfen seine Kunst, seineWissenschaften die ganze Welt. . . Damals waren wir glücklich, damalssprach das Ausland von Frankreich wie vom verzogenen Lieblingskind deslieben Herrgotts, heute sind wir ein Gegenstand des Spottes und desMitleid ens."
„Des Mitleidens, ja, und bald der Verachtung, aber nur der wahn-witzigen Pläne Ihrer Partei halber, die ihrer Mutter, der Zeit, in's Gesiebtschlägt und das Volk blenden und in die Tretmühle des Absolutismus zurück-führen will. Welche thätige Sympathien bewies dagegen nicht das Aus-land Ihrem Vaterland unter Thiers? Was geschah bei den Milliardenan-leihen? Während Legitimisten und Orleanisten, dem Weibe Lot's gleich,rückwärts schauten und den rothen Popanz hin und her zerrten, zahlteEuropa in richtigem und dankbarem Verständniß dessen, was es heute nochIhrer großen unsterblichen Revolution von 1789 verdankt, einen Theil seinerSchuld ab . . ."
Der Salon 1874.
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