Band 
Band I. 1874.
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306
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Aus dem gegenwärtigen Frankreich.

„Ich gebe Ihnen die allgemeine Dankbarkeit in den Kauf. O! .ichkenne jenen Sirenengesang. Ich will für mein Land keine Christusroüe,Frankreich soll nur für sich sorgen, nur an sich denken und dem Kosmopolitis-mus Thore und Fenster verschließen. Wer giebt uns einen Ludwig XIV.zurück? Ordnung und Religion thut uns vor Allem Noth!"

„Sie scheinen zu vergessen, daß Ihre gesammte Königsgeschichte nurein wiederkehrender Cyklus von Verschwörungen und Aufstandsversuchen ist.Selbst der Aufgang Ihres „Sonnengottes" (roi-8o1eiI), wie Sie Ludwig XIV.zu nennen belieben, geschah unter den furchtbarsten Verschwörungen, Unord-nungen und Bürgerkriegen, deren Seele die eigene Cousine des Königs war,und schon damals hatten Sittenlosigkeit und Religionslosigkeit eine solcheHöhe erreicht, daß der Herzog von La Rochefoucauld, aus einer der alt-adeligen Familien und Mitglied der Fronde, sich nicht entblödete, folgendean die besagte königliche Cousine, die Herzogin von Longueville, welcheKönigin werden wollte, gerichtete Verse zu veröffentlichen:

„?our rneriter soQ eosur, paur plairs L «es bosux veux.a'ai kail la Ausrre aux rois, l'auraia kalte aux Dieux."

Und wie traurig, wie erbärmlich war der Regierungsschluß Ludwig's XIV.,als er sich selbst überlebt und mit seiner frömmelnden Maitresse Madamede Maintenon zuletzt noch eine morganatische Ehe einging! Selbst seinKriegsruhm schrumpfte zusammen, als er seine großen Feldherren verlorenund Colbert durch Louvois ersetzt ward. Sie kennen ja die Geschichte IhresLandes besser als ich. Soll ich Ihnen etwa die weltbekannten, erschütterndenZeilen in's Gedächtniß rufen, in welchen La Bruyere die trostlose, bis zumthierähnlichen Zustand herabgesunkene Lage der französischen Bauern schil-derte? Und rechnen Sie etwa auch die Aufhebung des Edicts von Nantesunter die Großthaten Ihres „Sonnenkönigs"?"

„Die Protestanten waren Landesverräther. Die Aufhebung des Edictsvon Nantes war in ihrer Art eben so gerechtfertigt als die Sanct Bartholo-mäusnacht. Die Guisen waren mit England im Bunde. . ."

„Und war es etwa die Liga, an deren Spitze der Herzog von Guisestand, nicht mit Spanien? Vergessen Sie denn, daß die damaligen Kämpfefast ausschließlich religiöse waren und daß die Begriffe der nationalen Politikeiner spätern Zeit angehörten? Wollen Sie die grause dynastische Politikeiner Katharina von Medicis rechtfertigen, so müssen Sie stichhaltendereGründe suchen."

„Der Protestantismus war damals die die Gesellschaft bedrohendeRevolution, nicht weniger gefährlich, als heute die Commune. Ah! Sie ha-ben die Commune nur von ferne gesehen, ich, der ich Paris keinen Augen-blick verlassen, der inmitten dieser Schreckensherrschaft lebte. . ."

„Und der weiße Schrecken?"

„Es gab nie eine „weiße" Schreckensherrschaft! Was man so zu nennenbeliebt, ist einfach Selbstvertheidigung. Ich sehne den Augenblick herbei, woman alle Republikaner über den Haufen schießen wird wie tolle Hunde."

Während dieser Discussion hatte sich ein Kreis von Zuhörern umuns gebildet. Auf allen Zügen malte sich sprachloses Erstaunen. Es wardem Mann bitterer, blutiger Ernst. Wozu weiter streiten? „Da haben Siedie heutigen französischen Gesellschaftsretter", sagte ich zu den Zuhörern ge-wendet und verabschiedete mich eiligst.