80 Buch III. Quellen der Geschichte der Grieche«.
Capitel 3.
Thucydides.
Als Herodotus seine Geschichte vorlas, bemerkte er einen dar-über weinenden Jüngling, liebte dessen Züge und rieth seinemVater, ihm eine wissenschaftliche Erziehung zu geben. Thucydideshieß der Jüngling; Olorus, der Vater. Jener ist's, der in derGeschichte des Zeitraums der attischen Größe, von der letztenPerserschlacht bis auf das zwei und zwanzigste Jahr des peloponne-sischen Kriegs, einen solchen Tiefsinn, eine solche Kenntniß derMenschen und ihrer Staaten, zugleich eine so kraftvolle, majestäti-sche Beredsamkeit entwickelte, daß er, je nach der Stimmung desLesers, allen anderen vorgezogen, oder den vortrefflichsten Geschicht-schreibern ehrenvoll znr Seite gesetzt wird, als Redner aber mitDemosthenes wetteifert. So wie die Reize der Natur an seinemVorgänger gefallen, so entdeckt jedes nähere Studium des Thucydi-des vollkommnere Kunst. Jener ist anmuthiger; die Manier desThucydides ist groß. Von Tacitus ist er darin unterschieden, daßman in dem Römer den starken Geist eines stoischen Weisen, beiihm den großen Sinn eines attischen Staatsmanns bewundert.Populär war Thucydides weder im Leben, noch suchte er alsSchriftsteller diesen Ruhm; er wollte lieber durchgedacht, als schnellallgemein beklatscht werden, ^ und schrieb mehr für Wenige als fürdie Menge; daher deutet er an, was Andere ausgelegt habenwürden; er ist manchmal rauh und schwer, aber das Eindringenin seinen Geist belohnt sich.
Hin und wieder ist gut, sich zu erinnern, daß er ein Ver-wandter des vertriebenen Fürstengescblechts der Piststratidcn war;daß er kein sonderlicher Freund der Volksherrschaft seyn mochte,