36 Buch XXII. Frankreichs Uebergewicht in Europa.
1699* Plötzlich starb der unmündige Joseph,n. Chr. Die Mächte wurden durch Wilhelmen vermocht, sich in Lon-1700. don abermals zu vergleichen, daß, da die Königinnen von Frank-reich, Anna und Maria Theresia, dem spanischen Thron förmlichentsagt, Karl von Oesterreich, Enkel der Jnfantin Maria, demspanischen Zweige des Habsburgischen Stamms als König folgen,nie aber die Erblande im Reich, Böheim und Hungarn, mit derspanischen Monarchie unter ein Haupt vereiniget werden sollen.Zugleich wurden für den französischen Hof Entschädigungen bestimmt.
Ueber diese Vorgänge wurde weder Karl II., noch die spanischeNation gefragt. Zu Madrid hatten die österreichischen als Familien-minister lang den vornehmsten Einfluß; die Schwester des Kaisers,als des Königs Mutter, die hauptsächliche Leitung der Geschäfte;häufig wurde der Hof durch Cabalen, traurigen Ausgangs, ver-wirrt. Je näher immer schwächlichere Kräfte den König dem Grabezu bringen schienen, desto heftiger wurde seine furchtsame Seeledurch die List und Gewaltsamkeit der Parteien erschüttert. Er wolltegerecht seyn, und wußte nicht, von wem er glauben dürfte, denWeg des Rechts am sichersten zu vernehmen. Nach langem Wankenunterzeichnete Karl ein Testament, wodurch Philipp von Anjou,Enkel König Ludewigs XI V., zweiter Sohn des Dauphin, mit derBedingniß zum Erben eingesetzt wurde, daß Spanien eine unab-hängige Monarchie und ungetheilt bleibe; wenn er dieses nicht ein-gehe, so soll der Erzherzog Erbe seyn.
Dieses Testament wurde nach langer Berathschlagung von Lude«wig XIV. angenommen; und hiedurch wurden alle Tractate, in dieer sich mit den europäischen Mächten über die spanische Thronfolgeeingelassen hatte, vernichtet. Wilhelm II l. zeigte sich geneigt, auchdiese neue Wendung der Dinge, wenn Philipp V. seinem Rechtauf die französische Krone entsage, sich gefallen zu lassen.
1701* 2n diesem Zeitpunkte starb zu St. Germain, bei Paris, der