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Geschichte Gustav Adolphs, König von Schweden : und seiner Zeit / für Leser aus allen Ständen bearbeitet von August Friedrich Gfrörer
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Kaiser nothwendig brauchte. Zwar gestürzte Hofgrößen vomalltäglichen Schlage kriechen auf dem Bauche an den Thronheran, wenn der Herrscher wieder geruht, sie in die früher besesseneMacht einzusetzen, aber nimmermehr Männer von Walle nsteinsCharakter. Diese verzeihen im überströmenden Gefühle ihresWerthes die Entziehung von Fürstengunst nie, weil sie dieselbeals ein ihnen gebührendes Recht betrachten; sie handeln, wieSchiller in der Tragödie das Geschöpf seiner Phantasie, denObersten B u tl er verfahren läßt. In der That hat dieser Punkt,wie wir schon mehrfach behauptet, den unglücklichen Ausgang des30jährigen Krieges herbeigeführt. Doch an Höfen, wo der Mo-narch vom Augenschein getäuscht, auch über die Gefühle seinerDiener unbedingt herrschen, Rache in Anhänglichkeit, Zorn inFreude durch ein freundliches Lächeln umzaubcrn zu können wähnt,sezt man sich leicht über solche Bedenklichkeiten weg. Die Hoffnungblieb ja übrig, den Herzog während der kurzen Zeit seiner Ent-fernung vom Befehl durch fortwährende Beweise der kaiserlichenHuld bei guter Gesinnung zu erhalten.

Noch müssen wir beim Schlüsse dieser Untersuchung die Frageauswerfen, ob die hier zum ersten Male*) dargestellte Wendung,

*) Alle neuern Geschichtschreiber des 30jährigen Krieges stellendie Absetzung Wallensteins als einen Akt der Demüthigung dar.welchen sich der Kaiser nothgedrungen und ohne Gedanken an Rachegefallen lassen mußte. Die älteren, wie Khevenhüller, welcher dieWahrheit wußte, schweigen hartnäckig, aus guten Gründen. Einerühmliche Ausnahme macht jedoch der hannöversche Feldzeugmeistervon der Decken, der kürzlich aus Urkunden des königl. hannöver-schen Archivs einen höchst schätzbaren Beitrag zur Geschichte des30jährigen Kriegs in seinemLeben Herzogs Georg von Braun-schweig-Lüneburg" gegeben hat. Wiewohl nur sehr leise, deu-tet er die Wahrheit im zweiten Band des trefflichen Werkes Seite 2und folgd. an. Der Unterschied zwischen einem praktischen, welter-fahrnen Manne von Hellem Geiste, und einem bloßen Bücher-Gelehr-ten läßt sich auch hier nicht verkennen. Der Verfasser vorliegenderGeschichte ist auf seine oben entwickelte Ansicht zuerst durch aufmerk-same Vergleichung aller in den sichersten Quellen erzählten Thatsachengerathen; er hielt die Sache jedoch für zu wichtig, um bloß seinemeigenen Dafürhalten zu folgen; er befragte deßhalb erfahrne Offiziere,welche zu seinem großen Vergnügen mit seinen Ansichten übereinstimm-ten. Zwar verliert hiedurch die poetische Strahlenkrone um GustavAdophs Haupt, dessen Erfolge während der Jahre 1630 und 1631,wenn man jene Zwietracht unter seinen Gegnern nicht voraussezt,

Gfrörer, Gustav Adolph. 42