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sich die Vertheidiger, keine Gefahr mehr ahnend, zur Ruhe be-geben hätten, ward beschlossen, den 10. Mai nach Aufgang derSonne einen allgemeinen Sturm zu wagen. Pappenheimsollte mit drei Regimentern, dem Gronsfeldischen, Wanglerschenund Savellischen das große Werk gegenüber der Neustadt, HerzogAdolph von Holstein die Schanze am Krökenthor, GrafWolf von Mansfeld den Heydek, endlich Tilly selbst mitdrei kaiserlichen Regimentern und etlichem ligistischen Volk dasneue Werk bei der Elbebrücke anfallen. Sobald das Zeichenmit der Kanone gegeben würde, kam man überein, an allen vierOrten zugleich Sturm zu laufen. Pappenheim hatte den gün-stigsten Posten; der Graben vor ihm lag trocken, der Wall überdemselben nicht steil, Stufen und Einschnitte waren früher schonangebracht worden. Während der Nacht vvm 9. auf den 10.ließ er vollends Alles rüsten, die Sturmleitern wurden herbeige-schleppt, die Pallisaden ausgeriffen. Morgens stand sein Volkzum Sturme bereit, ahnungsvoll auf das Zeichen zum Angriffewartend, der manchem tapfern Soldaten das Leben kosten sollte,als Tilly die Befehlshaber unerwartet noch einmal zum Kriegs-rathe berief. Er wiederholte die Zweifel von gestern; «dermaldrang er nicht durch, die Uebrigen verharrten auf ihrer Meinung.Zwei Stunden, von fünf bis nach sieben gingen durch diese Zöge-rung verloren. Dieselbe war, ohne daß Tilly daran dachte,das Verderben Magdeburgs und feiner Bewohner. Bis fünfUhr hatte die ganze Bürgerschaft auf den Wällen Wache gehal-ten; weil während der Nacht Nichts geschah, weil man gesterndie Stücke im tillyschen Lager von der Schanze hatte abfahrensehen, weil die Annäherung des Königs bekannt war, undEntsatz ganz natürlich schien, entstand die Hoffnung, daß Nichtsmehr zu fürchten sey; also ging die Hälfte der Bürger sammteinem Theil der Soldaten nach 5 Uhr in die Stadt zurück, umder Ruhe zu pflegen. Falkenberg, von demselben Wahneverstrickt, ritt nach dem Rathhause, um den tillyschen Trompeter,der noch in der Stadt war, abzufertigen. Die auf den Postenzurückgebliebenen Soldaten und Bürger waren schlaftrunken, ge-dankenlos.
Nach 7 Uhr Morgens sezte Pappenheim mit seinemVolke an. Die Dragoner und Kürassiere stiegen ab, und misch-ten sich unter die Fußknechte. Mit der Losung »Jesus Maria«fielen sie auf einen kleinen Posten von 15 Mann, der am Fußedes oberen Walles über dem Stadtgraben stand. Alle wurdenniedergestreckt, ohne Lärm machen zu können. Dann gings ineiner Furie auf den obern Wall hinauf, schnell wird dieBrustwehrüberstiegen, aber hier fanden die Kaiserlichen kraftvollen Wider-stand durch die herbeieilenden Wachen. Zu gleicher Zeit mitPappenheim stürmte der Herzog von Holstein die hohePforte, und wurde bald Meister, weil die Bewachung dort sehr