Buch 
Novellen / von Conrad Ferdinand Meyer
Entstehung
JPEG-Download
 

250

Pfand ich eine solche Sehnsucht nach dem unschuldigenSpiele der Muse und einen solchen Widerwillen gegendie Drehungen und Windungen der ertappten Lüge, daßich beschloß, es kurz zu machen. Das geistliche Weibchenmußte mir bekennen, wie es in das hundertjährigeSchelmstück eingeweiht wurde und ich machte ein Endemit ein paar prätorischen Edicten. Sie gestand: ihreVorgängerin im Amte habe sich sterbend mit ihr unddem Beichtiger eingeschlossen und Beide hätten ihr dasvon Aebtissin auf Aebtissin vererbte Scheinwunder alsdas wirthschaftliche Heil des Klosters an das Herz ge-legt. Der Beichtiger — so erzählte sie geschwätzig —habe des Ruhmes kein Ende gefunden über das ehr-würdige Alter des Betrugs, seinen tiefen Sinn undseine belehrende Kraft. Besser und überzeugender alsjede Predigt versinnliche dem Volke das Trugwunderdie anfängliche Schwere und spätere Leichtigkeit einesgottseligen Wandels. Diese Symbolik hatte den Kopsdes armen Weibchens dergestalt verdreht, daß es ineinem Athemzuge behauptete, etwas Unrechtes hätte esnicht begangen, als Kind aber sei es auch einmal ehrlichgewesen.

„Ich schone dich um der Mutter Kirche willen, aus