Buch 
Novellen / von Conrad Ferdinand Meyer
Entstehung
JPEG-Download
 

118

Antiope grübelte nicht, ob Astorre sie liebe. Siewußte es. Da war kein Zweifel. Sie war davonüberzeugter als von den Athemzügen ihrer Brust undden Schlägen ihres Herzens. Keine Silbe hatte siemit Astorre gewechselt vom ersten Schritt des Wegesan, den sie zusammengingen. Die Hände hielten sichnicht fester beim letzten: sie verwuchsen, ohne sich zudrücken. Sie durchdrängen sich, wie zwei leichte geistigeFlammen, und waren doch beim Scheiden wie dieWurzel aus der Erde kaum auseinander zu lösen.

Antiope vergriff sich an fremdem Eigenthum undbeging Raub an Dianen fast in Unschuld, denn siehatte weder Gewissen mehr noch auch nur Selbstbe-wußtsein. Padua, das mit seinen Thürmen vor ihrlag, Mutter, des Mönches Verlöbniß, Diana, die ganzeErde, alles war vernichtet: nichts als der Abgrunddes Himmels, und dieser gefüllt mit Licht und Liebe.

Astorre hatte von der ersten zur letzten Stufe derTreppe mit sich gerungen und meinte den Sieg er-kämpft zu haben. Ich werde das Opfer vollbringen,prahlte er gegen sich selbst, und Germano bei seinerWerbung zur Seite stehen. Auf dem obersten Tritterief er noch alle seine Heiligen an, voraus Sankt Frau-