117
und Verwahrlost. Madonna Olympia mochte sich ein-geschlossen haben. Kein Gesinde und alle Thüren offen.Sie durchschritten ungemeldet eine Reihe schon däm-mernder Gemächer: vor der Schwelle der letzten Kam-mer hielten sie stille, denn die junge Antiope saß amFenster.
Sein in den Umriß eines Kleeblattes endigenderBogen war voller Abendglorie, welche die liebreizendeGestalt im Halbkreise von Brust zu Nacken umfing.Ihre gezauste Haarkrone ähnelte den Spitzen einesDornenkranzes und die schmachtenden Lippen schlürftenden Himmel. Das geschlagene Mädchen lag müdeunter dem Druck der erduldeten Schande, mit zuge-fallenen Augendeckeln und erschlafften Armen; aber inder Stille ihres Herzens frohlockte sie und Pries ihreSchmach, denn diese hatte sie mit Astorre auf ewigvereinigt.
Und entzündet sich nicht heute noch und bis ausEnde der Tage aus tiefstem Erbarmen höchste Liebe?Wer widersteht dem Anblicke des Schönen, wenn esungerecht leidet? Ich lästere nicht und kenne die Un-terschiede, aber auch das Göttliche wurde geschlagenund wir küssen seine Striemen und Wunden.