Buch 
Novellen / von Conrad Ferdinand Meyer
Entstehung
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Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den Weinnicht verschütten durfte. Sie trat vor den Bruderund begann den Spruch. Da aber Stemma den Kelch,der dem Comes den Tod gebracht, in den Händenihres Kindes erblickte und den frischen Mund überseinem Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefenAbscheu. Mit sicherm Griffe bemächtigte sie sich desBechers, den das überraschte Mädchen ohne Kampfund Widerstand fahren ließ, führte ihn kredenzend anden eigenen Mund und bot ihn dem Höfling mit deneinfachen Worten: „Dir und Dieser zum Segen!"Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht.

Palma stand bestürzt und beschämt. Da hieß dieMutter sie die Glocke ziehen, die hoch oben in einemoffenen Thürmchen hing und das Gesinde weither zumAngelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabtdas leichtbewegliche Glöcklein erschallen zu lassen unddas Amt war dem Mädchen geblieben. Sie fügte sichzögernd.

„Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?"fragte Wulfrin. Stemma wies ihm die Inschrift desBechers. „Siehe, es ist der Spruch eines Eheweibes,"sagte sie. „Davon lese ich nichts," meinte er.