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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Erstes Buch.

Schilderungvon Bau-Unterneh-»mungen.

Jagdsceuen.

Ein freundlicheres Bild gewähren die grossen Bau-Unternehmungender Herrscher, vielleicht die Geschichte der Errichtung desselben Palastes,welchen diese Werke einst schmückten. Zahlreiche Arbeiter, in Gebärdenund Stellungen voll mannigfaltigen Lebens, in mehreren Reihen überein-ander, sind bemüht, einen riesigen Portalstier auf einem durch Rollenbewegten Schlitten zum Palaste zu transportiren; andre sieht man be-schäftigt, einen Erdwall als terrassenartigen Unterbau eines Gebäudes zuerrichten; überall treiben Aufseher zu fleissiger Thätigkeit an. Wiederandre helfen mit Hebebäumen beim Transport der Stiere, oder tragenBaumaterial den steilen Hügel hinauf; eine Gruppe kommt mit Sägen,Aexten und Schaufeln zur Arbeit, eine andre fährt Bauholz auf zwei-rädrigen Wagen heran. Mit alledem begnügt sich der Künstler noch nicht:er muss uns auch die Naturumgebung seines Bauplatzes schildern. Wirsehen den Tigris nicht bloss belebt von Fischen, Schlangen und Krabben,denen ein Fischer mit der Angel nachstellt, sondern es deuten auch Flösseund Boote auf lebhaften Flussverkehr hin. Im Schilfdickicht des Ufersbirgt sich ein Hirsch mit seiner Kuh, und unfern davon gewahrt man eineBache mit ihren Jungen, deren eins an ihr saugt.

Herrscht hier überall frische Fülle des Lebens, so haben doch dieJagddarstellungen auch jetzt den höchsten Werth. Wenn in den ältestenWerken von Nimrud nur einige Hauptmotive sich unablässig wiederholen,so waltet hier eine unerschöpfliche Mannigfaltigkeit. Auch dehnt sich dasJagdrecht nicht bloss auf Löwen und Büffel, sondern auf wilde Pferde,Gazellen und Hirsche aus. Grosse Netze werden gestellt, welche die ge-ängsteten Thiere zu durchbrechen suchen. Im Hinterhalt lauert der Königmit seinem Köcherträger und sendet rastlos einen Hagel von Pfeilen aufdie Thiere. Die Künstler lieben auch hier eine Menge von Einzelscenennebeneinander zu drängen, und der Raum wird von ihnen ohne Rücksichtauf perspectivische Behandlung oder architektonische Ordnung ganz will-kürlich verwendet. Während bei den bisher betrachteten Darstellungenauf die landschaftliche Ausmalung der Scenerie grosse Sorgfalt verwendetwurde, erscheint es bei den Jagdscenen dem Bildhauer von Kujjundscliikzweckmässiger, gar keine Andeutung des wirklichen Bodens zu geben,sondern die Gruppen der Thiere nach Belieben über- und nebeneinanderauf der Fläche auszubreiten. Besonders anmutliig und reizend sind dieGazellen geschildert: halb schüchtern, halb zutraulich schreiten sie vor-wärts, zwei Junge folgen treuherzig der Fährte der Mutter; da durch-schwirren Pfeile die Luft, getroffen stürzt eins der Thiere rücklings zuBoden, der Führer der Schaar blickt sich stutzend um, die übrigen wen-den sich zu jäher Flucht.