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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

PUidias’

Kunstgeist.

bereits zum Manierirten und weichlich Schwülstigen in der Formbehand-lmig neigend und überhaupt nicht ohne gewisse Uebertreibungen, giebtuns einen, wenn auch schwachen Anklang an das Original. (Fig. 47.)Der Hauptaccent der Charakteristik liegt unverkennbar in der Fülle derstolz sich aufbäumenden und in grossen Massen zu beiden Seiten herab-fallenden Locken, sowie in den kühn geschwungenen Brauen, unter denenhervor die Augen über das weite Weltall zu blicken scheinen. Die ge-drungene Stirn, die mächtig vorspringende Nase vollenden den Eindruckder Weisheit und Kraft, während die vollen, leichtgeöffneten Lippenmildes Wohlwollen umspielt, und der üppige Bart gleich den fest undschön gerundeten Wangen sinnliche Frische und unvergängliche Mannes-schönheit verräth.

Der Zeus des Fhidias war die höchste Bewunderung des gesammtenAltertlmmes; er überlebte den Gott selbst, denn erst im V. Jahrhundertder christlichen Zeitrechnung zerstörte ein Brand das Bild und den Tem-pel. Jeder Hellene wallfahrtete zu ihm; glückselig wurde gepriesen, werihn gesehen hatte. „Auch auf einen Römer, w'ie den Aemilius Paullusmachte der olympische Zeus den gewaltigsten Eindruck; ihm erschienmindestens der homerische Zeus verkörpert, wenn nicht gar der Gottselbst gegenwärtig. Plinius nennt ihn unnachahmlich, Spätere preisenseinen Anbliek gerade wie ein Zaubermittel, welches alle Sorge und allesLeid vergessen mache, und Quintilian sagt, der- Zeus des Phidias habesogar der bestehenden Religion noch ein neues Moment hinzugefügt, sosehr komme die Majestät des Werkes dem Gotte selber gleich*).“ Hattedoch der Beherrscher des Olympos dein Meister einen Beweis seinesWohlgefallens zu geben nicht verschmäht. Denn, so erzählt die frommeSage, als Phidias vor dem vollbrachten Werke im Tempel betend denGott um ein Zeichen bat, ob das Werk ihm wohlgefällig sei, da fuhrplötzlich ein Blitz von der Rechten her aus heitrem Himmel durch dieOeffnung des Tempeldaches dicht neben dem Meister in den Boden nieder.

Um die Bedeutung des grossen Meisters’zu würdigen, bietet uns seinZeus den wichtigsten Anhaltspunkt. Wir sehen durch seine Kunst dieIdee des höchsten Gottes der Hellenen in einer Vollkommenheit verkör-pert, die etwas Unwiderstehliches für jeden Griechen hatte. Niemals istder Gottesbegriff eines ganzen Volkes durch die Schöpfung eines Künstlersin so vollendeter Weise ausgedrückt worden. Wie tief musste die An-schauung des Meisters vom allgemeinen Bewusstsein, von der nationalenGottesidee getränkt sein, um ein Werk zu schaffen, das nicht subjectiver

f ) Brunn , G. d. gr. K. I. S. 203.