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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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121
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Zweites Kapitel. Die griechische Plastik. Geschichtliche Entwicklung. 121

Phantasie, sondern einer göttlichen Eingebung entsprungen schien, dasauf die Gemüther der Menschen mit der zwingenden Gewalt eines Abso-luten wirkte! — War hier das Erhabenste in vergängliche Formen ge-bannt worden, so zeigen auch die andren Götterbilder, die er geschaffen,ein verwandtes geistiges Wesen. Vor allem die Schutzgöttin seiner Vater-stadt, die er so oft gebildet hat. In welcher Bedeutung er sie auch er-fasste, als kriegerische Vorkämpferin, oder als friedliche, jungfräulicheSchützerin, immer war bei aller Schönheit der Charakter einer hohengeistigen Würde das Vorwaltende. Daher sagt ein griechisches Epigramm,indem es die Athene des Phidias mit der Aphrodite des Praxiteles ver-gleicht, nur einem Rinderhirten wie Paris könne es einfallen, die Aphroditeder Athene vorzuziehen. Aber auch selbst mehrere Statuen der Liebes-göttin, die Phidias geschaffen, namentlich ein gepriesenes Goldelfenbein-bild zu Elis, trugen das Gepräge einer mehr,geistigen, himmelentsprosse-nen, als sinnlichen Schönheit, wie denn auch nur Aphrodite Urania es war,welche der Meister verkörpert hat. Verbinden wir nun damit den Aus-spruch der Alten, Phidias allein habe Ebenbilder der Götter gesehen,Er allein sie zur Anschauung gebracht, so dürfen wir .von ihm sagen,was für die Poesie von Homer gilt: er habe den Griechen ihre Götter ge-schaffen. Darin liegt der unermessliche Fortschritt, den er über seineVorgänger hinaus getlian. Wie leblos und starr ist noch am Tempel vonAegina die Gestalt der Göttin! Erst durch Phidias gewinnen die plasti-schen Götterdarstellungen Geist, Charakter und Leben. Er ist daher ineminentem Sinne Götterbildner zu nennen. Damit stimmt denn selbst über-ein, was wir oben erwähnten, dass er in Amazonenbildern von Andernübertroffen wurde. Wo es nicht auf geistigen Ausdruck ankam, dahinneigte sein Genius nicht.

Dass neben dieser geistigen Bedeutung die Werke des Meisters durchhöchste künstlerische Vollendung der Form eben so sehr ausgezeichnetwaren, wird nicht minder bezeugt. Dies gilt nicht bloss für die völligeBeherrschung jeder Art von Technik, der Goldelfenbeinarbeit, der Marmor-plastik, der Erzbildnerei, die er sämmtlich in gewaltigen Kolossalwerkenangewendet hat; selbst der zierlichsten Ciselirkunst, die er vielfach beiseinen grossen Arbeiten, aber auch für besondre Zwecke, gleichsam zurErholung übte: auch in höherem Sinne muss er den weiten Bereich derdamaligen Bildnerkunst nach allen Seiten vollständig beherrscht haben.Als gedankenreichen Schöpfer ganzer Cyklen von Bildwerken werden wirihn noch kennen lernen; der Composition war er im höchsten GradeMeister; die organischen Bedingungen jeder Gattung von Gestalten lagenklar vor seinem Blick, und selbst die feinsten und verstecktesten Gesetze

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