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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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135
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Zweites Kapitel. Die griechische Plastik. Geschichtliche Entwicklung. 135

Gestalt im Geleite des Ares gehalten wird. Zwischen beiden Kämpfendenin der Mitte des Giebels ragte als Siegeszeichen der eben aufgeschosseneTrieb des Oelbaumes empor, von welchem neuerdings ein Bruchstück ge-funden worden ist. Dem Gefolge der Athene schliesst sich zunächst Koraan, den Knaben Jakchos an der Hand, der in lebhafter Freude sich dersitzenden Demeter zuwendet. Wir haben hier die altattischen Gottheitenvon Eleusis, ein würdiges und passendes Gefolge für Athene. Dann folgtdie noch in Athen befindliche schöne Gruppe, in welcher man Kekropsund seine Gemahlin erkannt hat, ebenfalls in lebendiger Theilnahme derHauptgruppe zugewandt. In der äussersten Ecke lagert zur Bezeichnungdes attischen Lokales die Gestalt des Flussgottes Kephisos, der sichgleichfalls froh erregt auf den linken Arm gestützt empor richtet. Aufder andern Seite sieht man im Gefolge Poseidons zunächst Leukothea mitihrem Sohne sitzen, sodann weich hingestreckt Thalassa, die Meergöttin,auf ihrem Schoosse die lieblich nackte Gestalt der meerentstiegenenAphrodite, und hinter ihr schliesst eine sitzende weibliche Gottheit dasGefolge ab. In der äussersten Ecke endlich sieht man zwei engverbun-dene Gestalten, die in sinnreicher Weise als der Flussgott Ilissos und dieQuellnymphe Kalirrhoe gedeutet werden, deshalb so innig vereint, weildiese Quelle im Bette des Ilissos entspringt.

So gering die Beste sind, die uns von all dieser Herrlichkeit geblieben,so unvergleichlich ist jeder, auch der kleinste Theil des noch Vorhandenen.Muss schon die Composition im Ganzen, so weit wir sie noch zu erkennenvermögen, wegen ihrer grossartigen Freiheit und Lebendigkeit, wegender gönialen Leichtigkeit, mit der in ihr die architektonischen Bedin-gungen erfüllt und alle Schwierigkeiten überwunden sind, zu staunenderBewunderung hinreissen, so wächst diese Empfindung noch bei der Be-trachtung jeder einzelnen Gestalt. Erhabener und gewaltiger, aber zu-gleich anmuthiger und schöner sind nie wieder plastische Werke aus-geführt worden. Es lebt eine unvergängliche Jugendschönheit in allenFormen; die Natur ist so gross und mächtig aufgefasst, dass man einGeschlecht höherer Wesen, ein Geschlecht von Göttern zu erblicken glaubt.Durch den Gegensatz bekleideter weiblicher und nackter männlicher Ge-stalten bietet sich eine Fülle wirksamster Contraste dar; aber auch ausser-dem sind die feinsten Unterschiede in so scharfer Charakteristik hervor-gehoben, dass Alles wie aus der Nothwendigkeit eines Naturgesetzes ge-flossen scheint. Wie hochgewaltig ist selbst der zerschmetterte Best desPoseidon -Torso’s, wie erkennt man aus dem mächtigen Gefüge der For-men, aus dem Bau der Muskeln, aus den zomgeschwellten Adern desOberarms den durch seine Niederlage leidenschaftlich bewegten Beherr-

Styl dieserWerke.