136
Zweites Buch.
scher der Meerflutli! Welche jugendliche Schönheit und Kraft spricht sichin den Formen des bequem hingelagerten Theseus aus, der in ganzerHerrlichkeit bis auf die Hände, die Füsse und die Nase erhalten ist! Wiegrossartig und lebensvoll, wenn auch ungleich mehr zerstört, ist derKörper des Ilissus, der ebenfalls ruhig gelagert ist, aber in unvergleich-licher Wahrheit der Bewegung auf den linken Arm gestützt, den Ober-körper emporliebt, um auszusprechen, dass kein Theil des attischen Lan-des unbewegt bleibt bei dem wichtigen Ereigniss; ja wie gewaltig ist selbstHelios charakterisirt, von dem der Künstler nur den nervigen Arm undden aus den Fluthen auftauchenden Kopf geben konnte, wenig und dochvollkommen genügend, um die göttliche Kraft zu zeigen, welche diefeurigen Sonnenrosse zu bändigen vermag. Und wie prächtig sind end-lich die Köpfe dieser Rosse selbst, die feurig, lebensprühend aus denWogen auftauchen und deren muthiges Schnauben aus den weit geöffnetenNüstern man zu hören glaubt. Ebenso herrlich ist der gleichfalls erhalteneKopf des einen Rosses der Nacht, der gleich jener die tiefste anatomischeKenntniss mit der . kühnsten und freiesten Formbehandlung paart. Nichtminder wahr ist in den bekleidetet! weiblichen Figuren das Leben unddie Bewegung der Formen durch das reichste und anmuthigste Spiel derGewänder nur um so reizender ausgedrückt, am vollkommensten vielleichtin den Gestalten der Aglauros und Herse, deren grossartige Schön-heit durch den Fluss der feingefalteten Gewänder hindurchleuchtet.Ebenso vortrefflich ist die neben ihnen sitzende Gestalt der Pandrosos,die an fliessender, zierlicher Behandlung des Gewandes und der weichenjugendlich blühenden Körperformen den beiden Schwestern gleich-kommt. Aber auch die beiden sitzenden attischen Horen auf der andernSeite desselben Giebelfeldes sind von derselben Schönheit, nur dass dieebenfalls sehr reichen Gewänder etwas einfacher, nicht ganz so zierlichfein ausgearbeitet sind, wie jene. Auch bemerkt man, dass an ihnen,sowie an der heraneilenden Iris die Rückseiten um einen Grad flüchtigerbehandelt sind, als die Vorderseiten, während sonst alle diese Statuen,selbst in den Th eilen, die gar nicht für die Anschauung bestimmt waren,mit derselben sich stets gleichbleibenden, nirgends ermattenden künstle-rischen Vollendung durchgeführt sind.
Ueberhaupt hat sich nie wieder die sorgfältigste Zierlichkeit derAusführung mit höchster Einfachheit einer erhabenen Formensprache sovereinigt, wie hier. Das erkennt man selbst an dem kleinen Bruchstückder Athene vom westlichen Giebel,, von welcher nichts als die rechteHälfte der Brust und der Ansatz des dazu gehörigen Armes erhaltenist: genug, um die göttliche Erhabenheit der ganzen Gestalt zu ah-