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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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147
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Zweites Kapitel. Die griechische Plastik. Geschichtliche Entwicklung. 147

Würfeln spielten, wegen ihrer hohen Vollendung von Manchen für dasvorzüglichste Werk des Alterthums gehalten; endlich zwei Kanephorenund die Amazone zu Ephesus, mit welcher er den Phidias und andereMeister besiegt haben soll.

Soviel erkennen wir aus dieser Uebersicht, dass Kraft, Geschmeidig-keit und Gelenkigkeit vorzüglich den Werth solcher Polykletischer Werkeausgemacht haben. So sehr aber lag ihm an der Lebenswahrheit derFormen, der Richtigkeit und Harmonie der Verhältnisse, dass er ein Buchüber die Proportionen des menschlichen Körpers abfasste und eine Statueschuf, welche man den „Kanon“ nannte, weil er in ihr die normaleSchönheit eines vollendet durchgebildeten jugendlichen Körpers dargestellthatte. Für die gediegene, sorgfältige, in allen Theilen vollkommene Aus-führung war es von Wichtigkeit, dass er fast ausschliesslich seine Werkein Erz bildete. Wollte er aber die elastische Leichtigkeit beweglicherJugend zur sprechenden Erscheinung bringen, so war dafür nicht minderwesentlich, dass er, wie berichtet wird, der Erste war, der die Gestaltenganz auf einem Beine ruhen und das andere, leicht gehoben, mehr in spie-lender, freier Bewegung' sich darstellen liess. Wenngleich die entwickelteattische Kunst ähnliche Gestalten bereits aufweist, so besteht PolykletsFortschritt darin, dass er diese Art einer anmutliig bewegten Stellungzum Prinzip seiner Darstellungen machte und dadurch den Gestalten diehöchste Leichtigkeit und Elastizität der Erscheinung gab.

Obwohl nach dem Zeugniss der Alten Polyklet nicht gerade inGötterdarstellungen, wohl aber in Menschenbildern trefflich war unddarin das Würdige, Ehrbare zu schönem Ausdruck brachte, schuf er inseinen späteren Lebensjahren doch eine Idealgestalt, welche für diefolgende Zeit eine typische Bedeutung erlangt hat. Dies ist das kolossaleGoldelfenbeinbild der Hera für den nach einem Brande des Jahres 423wieder aufgebauten Tempel der Göttin in Argos. Sie sass auf einemThrone, die Stirn mit dem Diadem gekrönt, auf welchem die Chariten undHoren in Reliefs angebracht waren. In der einen Hand hielt sie dasScepter, in der andern den Granatapfel; den Thron umrankte eine Rebe,und ihre Fiisse ruhten auf einem Löwenfell. Von dem majestätischen Ein-druck des Werkes zeugt eine Nachbildung aus späterer Zeit, der kolossaleMarmorkopf der Hera in Villa Ludovisi zu Rom (Fig. 62), ein Werk,das im grossartigen Formcharakter die unnahbare Hoheit einer Gemahlindes Allherrschers Zeus mit weiblicher Anmuth und fraulicher Würde paart.Die strenge, gebietende Stirn wird zu huldvoller Lieblichkeit gemildertdurch das weiche, lockige Haar; auf den sanft gerundeten Wangen blühtunvergängliche Jugendschönheit, und der mächtige Bau der Nase, des

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Polyklets.

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