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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Schule desPolyklet.

Naukydes.

Mundes und Kinnes druckt eine Energie des Charakters aus, die auf sitt-licher Reinheit beruht und von einem Schimmer wunderbarer Schönheitumflossen wird. Der Künstler hatte in der Ehegöttin weniger eine be-stimmte geistige Potenz, als vielmehr eine sittliche Macht, die heiligeBedeutung eines allgemein menschlichen Verhältnisses zu verkörpern, unddas ist ihm in mustergiltiger Weise gelungen. Dass das kolossale Bildbis ins Einzelne der schmückenden Theile mit hoher Feinheit und zier-

Fig- 62. Herakopf. Villa Ludovisi.

lieher Sauberkeit gearbeitet war, dürfen wir schon aus dem Umstandeschliessen, dass Polyklet auch als trefflicher Ciseleur gerühmt wird.

Eine zahlreiche Schule schliesst sich an den Meister von Argos an,ohne dass wir indess die vielen überlieferten Künstlernamen aus ihrerThätigkeit zu charakterisiren vermöchten. Wahrscheinlich haben sie dieRichtung des Meisters auf lebensvolle Naturwahrheit und correcte Schön-heit der Verhältnisse fortgeführt und dadurch für die weitere Entwicklungeine feste Basis gelegt. Nicht gerade als Schüler, aber vermuthlich durchden Meister angeregt tritt uns Naukydes entgegen. Von ihm rührte dasGoldelfenbeinbild der Hebe her, welches der polykletischen Hera zur